Einerseits figurieren Ärzte in einschlägigen Seifenopern immer noch als. Halbgötter in Weiß, andererseits empört sich die Öffentlichkeit über Kunstfehler und unverschämte Honorarforderungen. Einerseits steigt die Lebenserwartung in den meisten Industrieländern weiter an, andererseits gibt es immer mehr chronisch Kranke, deren Versorgung das Gesundheitssystem an den Rand des finanziellen Kollaps' bringt. Einerseits feiert die Forschung immer neue Triumphe bei der Entwicklung innovativer Diagnose- und Behandlungstechniken, andererseits flüchten immer mehr Menschen vor einer als herzlos und kalt empfundenen Apparatemedizin zu den Heil(ung)sversprechen esoterischer Handaufleger. Die gegenwärtigen Entwicklungen bieten somit genügend Stoff für kontroverse Diskussionen über die Zukunft der Medizin. Die Referate vom Jahreskongreß 1995 des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, die in diesem Band versammelt sind, enthalten ein erfreulich breites Spektrum von Ansätzen. Zur Sprache kommen nicht nur klassisch-schulmedizinische, sondern auch evolutionsbiologische. gentechnische, philosophisch-ethische, psychotherapeutische, sozial- und finanzpolitische Gesichtspunkte, um nur einige zu nennen. Selbst gegenüber alternativen Heilmethoden wird neuerdings erstaunlich große Toleranz geübt. Dahinter steckt freilich auch das Bestreben, die Patienten bei der Stange zu halten: Wenn jemand unbedingt nach Bachblüten verlangt, warum soll er sie dann nicht in Gottes Namen von seinem Hausarzt bekommen? Schließlich tut doch auch die vorgeblich rein naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin so manches, was nur der Beruhigung des Patienten dient, nach der altehrwürdigen Devise" ut aliquid fiat". Ausführlich diskutiert werden die beiden Haupttodesursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, daneben auch die für die Krankenkassen höchst negativ zu Buche schlagenden Befindlichkeitsstörungen. Ethische Probleme der Hirnforschung, neue Operationstechniken und aktuelle Fragen der Gesundheitspolitik sind weitere zentrale Themenbereiche. Bei aller Meinungsvielfalt sind die Beiträge von naivem Optimismus ebensoweit entfernt wie von undifferenzierter Fortschrittsfeindlichkeit. Schade ist nur, daß die Diskussionen zu den Referaten nicht dokumentiert sind, so daß die einzelnen Standpunkte unvermittelt nebeneinander stehen. R. L.

Die Zukunft der Medizin. Neue Wege zur Gesundheit? Hrsg. v. Gert Kaiser ... Frankfurt/M. (u.a.): Campus-Verl., 1996. 480 S. (Schriftenreihe des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen; 4)