"Unser Bekenntnis zum westlichen Liberalismus ist nicht mehr als das fröhliche Eingeständnis, daß wir keine Utopie haben, Es gibt nur diese eine, unvollkommene Wirklichkeit, und der zivilisierte Umgang mit scheinbar überwältigenden Problemen muß täglich neu ausgehalten und erlernt werden." Mit diesem Bekenntnis stecken die Autoren gleich zu Beginn den Rahmen für ihr mit reichen Kenntnissen und vielen Zitaten gespicktes Buch ab. Für sie ist die Moderne eine permanente Krise, und es ist einfach unvermeidlich, daß der Boden unter unser aller Füße unaufhörlich schwankt. Aber nicht darin sehen sie das eigentliche Problem, sondern in dem Umstand, daß das westliche Krisenmanagement immer öfter versagt.

Das Buch fordert zum Nachdenken auf, denn es stellt viele als gültig anerkannte Thesen im Verhältnis des Westens zu den “Antiwestlern" in Frage, Heute verlaufen, so die Autoren, die Konfliktlinien nämlich viel weniger zwischen den Zivilisationen, als mitten durch sie hindurch. Am Beispiel des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien: "Nichts spricht dafür, daß wir den Herren Milosevic und Tudjman ihre Geschichtslegenden glauben. In Wirklichkeit sind Serben, Kroaten und Bosnier einander kulturell etwa so fremd wie Bayern, Franken und Berliner. Sie alle gehören derselben Zivilisation an: der europäischen."

Die Autoren setzen auf den universalistischen Anspruch des Westens, auf seine liberalen Werte, und warnen vor der Gefahr des "Wegschauens", das mit "einer harten Legierung aus grünen und kulturrelativistischen Argumenten abgesichert" werden könnte, Sie bekennen sich im Blick auf die EU grundsätzlich zum zentralistischen Ansatz, zum Zusammenwachsen Europas durch die Schaffung von übergreifenden Institutionen, Denn die" Regionalisten" setzten das Vorhandensein homogener ethnischer oder kultureller “Identitäten " voraus. Aber: Jede "Nation" oder "Region" sei immer das Ergebnis einer Konstruktion gewesen, Beispiel hierfür ist etwa die Schweiz: Sie beruht auf einer Willensentscheidung ihrer vier Sprachengemeinschaften, die den Wert der Freiheit in einer egalitären bürgerlichen Republik über den Wert der Sprache und Kultur gestellt haben. So konnten die kulturellen Besonderheiten erst wirklich geschützt werden.

Die französische "Nouvelle Droite" argumentiert in ihrem Sinne allerdings umgekehrt: Ihr Führer Alain de Benoist bezichtigt den westlichen Universalismus des Rassismus, da er den anderen. nur soweit anerkenne, als dieser seine Andersartigkeit ablege. Benoist plädiert daher für eine "ethnische Auf teilung" zur" Reinerhaltung des kulturellen Erbes", Als eine der wesentlichsten Kategorien der westlichen Zivilisation bezeichnen die Autoren die Selbstreflexivität. Der Westen habe sich, zumindest bisher dadurch ausgezeichnet, daß er sich erbarmungsloser selbst anklagte, als es seine schärfsten Gegner taten. Diese Selbstkritik, und auch dafür ist das Buch Beleg, bedarf allerdings der permanenten Schärfung der Sinne, der Schulung tiefgehenden Denkens und letztlich einer Kultur der Kritikfähigkeit, die Demagogen keinen Raum läßt.

R. M. 

Herzinger, Richard; Stein, Hannes: Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler. Fundamentalismus, Antiamerikanismus und Neue Rechte. Reinbek: Rowohlt, 1995, 250 S., DM/sFr 22,80 / ÖS 110,-