Das Denken der Neuzeit, das sich „so lange unter dem naiven Namen Aufklärung und dem noch naiveren Programmwort Fortschritt vorgestellt” habe (S. 20), sei bestimmt vom „Verlust der kosmologischen Mitte”. Die Entdeckung des Universums, des kalten Außen, und der Verlust des „Immunsystems Himmel” (S. 25) bedeute für den Neuzeitmenschen, als „Kern ohne Schale” (S. 23) zu leben. In-der-Welt-Sein heiße seither, „sich an die Erdrinde klammern müssen”. Die Gewißheit, „für alle Zeiten nur noch auf einer Kugel, aber nicht mehr in einer Kugel” zu existieren, sei daher der tiefere Grund für das Bestreben, diese „Hüllenlosigkeit” mit einer „zivilisatorischen Kunstwelt”, hervorgebracht vom „euro-amerikanischen Technik-Titanismus”, zu kompensieren. (S. 24) - Soweit - etwas gerafft - Peter Sloterdijks Blick auf die Moderne.

Die gegenwärtige Globalisierung samt Weltmarkt und elektronischen Netzen sei, so Sloterdijk, der Versuch, ein „Weltglashaus” zu errichten, was uns aber in „thermopolitische Paradoxien” führe. Denn damit das „globale Zivilisationstreibhaus” gelingt, müssen „riesige Populationen, im Zentrum wie in der Peripherie, aus alten Gehäusen der wohltemperierten regionalen Illusion evakuiert und den Frösten der Freiheit” (S. 26)  ausgesetzt werden. In allen alten Ländern würden die Restbestände an „Innenweltglauben” und „Geborgenheitsfiktion” gesprengt im Namen einer durchgreifenden Marktaufklärung, die besseres Leben verspricht. Der Verlust der Orientierung im Raum in „schalenlosen Zeiten” führe nun aber zur Seinsvergessenheit: „Die Gierigen der letzten Tage fragen nicht mehr, wo sie sind, solange sie nur irgendjemand sein dürfen.” (S. 27) Um so dringlicher sei es - mahnt Sloterdijk -, die „Wo-Frage” wieder zu stellen. Sie richte sich „auf den Ort, den Menschen erzeugen, um zu haben, worin sie vorkommen können als die, die sie sind” (S. 28). Diesen Ort nennt Sloterdijk „Sphäre”, in der Welt wohnen, bedeute daher, Sphären schaffen.

In seinem auf drei Bände angelegten Werk gleichen Titels widmet sich Sloterdijk der Suche nach diesen Sphären in der Menschheitsgeschichte, wobei er den Bogen von den frühesten Kulturen bis in unser globales Zeitalter spannt. Der erste Band handelt von mikro-sphärischen Größen, die Blasen genannt werden. Sloterdijk versucht darin eine Art Philosophie der Geborgenheit in der Zweieinigkeit und holt dabei weit aus in die Kulturen- und Philosophiegeschichte. Eine „Ideengeschichte der Nähe-Faszination” ist darin ebenso zu finden wie eine Erinnerung an Heideggers Lehre vom „Dasein” oder ein Revisionsversuch zur psychoanalytischen Phasenlehre, deren Objekt-Beziehungsdenken Sloterdijk jenes der dyadischen Einheit von Mutter und Kind entgegenstellt.

Sloterdijks Anliegen, dem zeitgenössischen Denken „seinen Sinn für die absolute Lokalisation” und den „Grund des Unterschieds zwischen Groß und Klein” zurückzugeben, verdient sehr wohl Aufmerksamkeit. Ausdauer erfordert es aber, dem Denker und Wortkünstler über die Länge des Buches hin zu folgen. Wenn Sloterdijk Philosophie als „Übertragungsliebe zum Ganzen” bezeichnet, so läßt sich in Parallele sagen, daß es viel Liebe zu Sloterdijk bedarf, um seinen verschlungenen Gedankengängen auf der Spur zu bleiben. H. H.

Sloterdijk, Peter: Blasen. Sphären . Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998. 644 S. (Mikrosphärologie; 1) DM 49,- / sFr 46,-/ öS 364,-