In der deutlich erweiterten Neuauflage von „Welt mit Zukunft“ gehen Franz Josef Radermacher und Bert Beyers auch ausführlich auf die Finanzkrise sowie die ihr folgende Verschuldung der Staaten ein. Was passiert, wenn, wie bei der „Reise nach Jerusalem“, die Musik plötzlich aussetzt und der Kampf um die freien Stühle beginnt? So fragen die beiden im Hinblick auf die gigantischen, nicht gedeckten Geldansprüche im internationalen Finanzsystem, deren Umfang dem 50-fachen der Zentralbankgeldmenge entspricht. Wenn eine größere Zahl an Spielern den Geldversprechen nicht mehr traut, kommt es zur großen Ernüchterung, sind Radermacher und Beyers überzeugt. Die Kreditausfallversicherungen, die im Zuge der Finanzmarktspritzen durch die Staaten offengelegt werden mussten, betrugen 60.000 Mrd. US-Dollar, rechnen die beiden vor – „das entspricht der Weltjahreswirtschaftsleistung, eine schier unglaubliche, beinah unvorstellbar große Summe“ (S. 163). Dabei wurden im Schnitt etwa 2 Prozent der abgesicherten Summe als Gebühr kassiert – „eine Traummarge, etwa 1200 Mrd. US-Dollar pro Jahr für die Erzeugung einer Illusion“ (ebd.).

 

Als drohende Folge der Bankenrettungspakete sehen die Autoren die mögliche Insolvenz von Staaten, die sich hochverschuldeten, auch bei denen, „die das Problem erzeugt hatten und die nun an der Rettung ein weiteres Mal gut verdienten“ (S. 165) Die weltweite „Politik des leichten Geldes“ (S. 168) habe in die jüngste Finanzkrise geführt, durch die Verschuldung der Staaten sei eine weitere zu befürchten. Mit 40.000 Mrd. US-Dollar wird der weltweite Stand der Staatsverschuldung angegeben. Die öffentliche Hand brauche daher günstige Kredite, sprich niedrige Zinsen, was für die Geschäftsbanken nur interessant sei, wenn sie öffentliche Kredite mit riskanten Privatkrediten koppeln. Das Anwachsen der Schwellgeldmenge birgt nach Ansicht der Autoren die Gefahr, dass die Blase weiter wächst, „obwohl sie schon gewaltig ist“ (S. 180).

 

Drei mögliche Wege sehen Radermacher und Beyers aus diesem Dilemma: Möglich sei eine Hyperinflation, was zu Geldentwertung führe, oder ein Währungsschnitt, bei dem sich die Staaten auf eine Abwertung ihrer Schuldverschreibungen einigen würden. Die USA könnten etwa einen neuen Dollar auflegen, der im Inland 1 : 1, im Ausland jedoch 1 : 3 getauscht würde. Als drittes mögliches Szenario ist für Radermacher und Beyers eine weltweite Vermögensabgabe denkbar: „Wohl wissend, dass durch eine kollabierende staatliche Ordnung auch privater Besitz gefährdet ist, werden diejenigen, die etwas besitzen, und damit insbesondere die, denen die Staaten etwas schulden, Vermögen auf den Staat übertragen.“ (S. 182) Praktisch würde das so aussehen, dass 10 bis 15 Prozent des Vermögens (Positivsaldo) an den Staat über gehen würden, um seine Entschuldung zu finanzieren. Das Problem sei nicht, dass wir bei zukünftigen Generationen verschuldet sind, sondern „dass wir alle kollektiv, über unsere Staaten, bei sehr wenigen Akteuren hohe Schulden haben“ (S. 183). Um den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten, müssten sich die Staaten und die Vermögensbesitzer (auch Staatsfonds) einigen. Noch dazu, da viele der Vermögen ohnedies durch Steuerhinterziehung entstanden seien. Radermacher fordert als Proponent der Global Marshall Plan-Initiative seit vielen Jahren die Besteuerung globaler Prozesse wie Finanztransaktionen, Handelsgeschäfte und CO2-Emissionen. Solange diese jedoch nicht durchsetzungsfähig sei, wäre „bei Annäherung an die Insolvenz der Staatenwelt die Vermögensabgabe das sinnvollste Mittel, den globalen Finanzkollaps zu verhindern“ (S. 184). Politischer Druck der betroffenen Bevölkerungen würde letztlich auch die Zustimmung der Vermögenden erreichen, so die Überzeugung der Autoren. H. H.

 

Radermacher, Franz Josef, Beyers, Bert: Welt mit Zukunft. Die ökosoziale Perspektive. Bericht an die Global Marshall Plan-Initiative. Hamburg: Murmann, 2011 (erweiterte Auflage). 395 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr  33,80

 

ISBN 978-3-86774-111-8