sabotageDem Ausruf „So geht es nicht weiter“ widerspricht heute kaum jemand, und trotzdem ändert sich nichts. Darum hat sich auch Jakob Augstein, leiblicher Sohn von Martin Walser und rechtlicher Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, in die kapitalismuskritische Diskussion eingebracht. Und das wortgewaltig als Wutbürger, der nicht an die Wirkung des politischen Protests im modernen Kapitalismus glaubt, denn „wenn er sich an die Regeln hält, bleibt seine Wirkung schwach“ (S. 282).

Im Schatten der Finanzkrise erleben wir die Aushöhlung und den Verlust zentraler Institutionen wie Parlament, Regierung, Wahlen und Demokratie. „Die Finanzkriminellen an den Märkten zertrümmerten die Maßstäbe von Recht und Unrecht.“ (S. 11) Schuld und Verantwortung (s. a. die Rezension „Kapitalismus - eine Religion in der Krise“) sind nur zwei Begriffe von vielen, die nicht mehr meinen, was sie bedeuten (S. 12), so der Autor. Da kommt ihm der englische Politologe Colin Crouch gerade recht, der schon vor Jahren die Postdemokratie ausgerufen hat. Deshalb ist es für Augstein an der Zeit, Handlungen (Taten) zu setzen (vgl. S. 15). Es geht auch um Begriffe wie Gerechtigkeit etwa im Blick auf die Milliarden-teuren Bankenrettungen.

 Der Bemerkung des Autors, dass das Vertrauen der Menschen in die parlamentarische Demokratie bei weitem „systemrelevanter“ wäre als eine marode Großbank (Hypo Real Estate), wird hier nicht widersprochen. Bei der Tugend der Gerechtigkeit geht es für Augstein weniger darum, einen gerechten Zustand herzustellen als vielmehr darum, einen ungerechten abzustellen. „Die Abwesenheit von Ungerechtigkeit ist schon die Gerechtigkeit.“ (S. 24) Gegliedert ist das Buch in die Abschnitte „Regime“, „Reflex“ und „Reaktion“, aufgelockert durch Gespräche mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt und dem Politologen Wolfgang Kraushaar.

Abgesehen davon macht der Titel „Sabotage“ natürlich neugierig, suggeriert er doch ein Handeln ganz anderer Art. Erste Hinweise darauf gibt es im Gespräch mit Wolfgang Kraushaar, der unverblümt fragt, „Wollen Sie eine Revolution?“ Die Antwort ist „Nein“, denn eine Reform, die den Namen verdient, würde vollkommen genügen. „Mit ein bisschen Optimismus könnte man die Meinung vertreten, ein zivilgesellschaftlicher Säkularisierungsprozess habe eingesetzt, der dem Volk das Opium der Kapitalismusreligion austreibt.“ (S. 285) Kraushaar selbst gibt zu bedenken, dass er in seinem Gedächtnis auch Erfahrungen gespeichert hat, „mit denen man die Wahrnehmung des staatlichen Gewaltmonopols durchaus problematisieren könnte“ (S. 196). Augstein hält ein bisschen Gewalt für notwendig und fragt: „Ist es denkbar, dass die Sabotage eine Funktion hat?“ (S. 275) Jedenfalls ermögliche der Begriff die Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Personen und Gewalt gegen Sachen. Dabei aber nicht zu übersehen sind die vielen Fragezeichen, die der Autor setzt. Er ist sich offenbar seiner Sache nicht ganz sicher, obwohl „die Wahrscheinlichkeit, dass in den Medien die Demonstranten als die Schuldigen und Auslöser der Gewalt bezeichnet werden, (…) viel größer ist, als dass übermäßige Staatsgewalt kritisiert wird“ (S. 261).

Wir dürfen uns nicht auf die Politik als treibende Kraft einer zivilgesellschaftlichen Rückeroberung verlassen, sondern „müssen unsere Sache selber in die Hand nehmen“. Die „Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft gegen die Partikularinteressen der Habenden“ und „der Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit [werden] nicht ohne Mut zur Radikalität erreichbar sein“, so Augstein (S. 288). Wenn nämlich der Staat die demokratisch legitimierte und durch die Verfassung abgesicherte Definitionsmacht über Recht und Gesetz ausübt, dann ist jeder Widerstand dagegen außerhalb dieser gesetzlichen Ordnung.

Schade nur, dass der Autor die Gewaltfrage nicht verbindlich beantwortet. Was bleibt, sind Fragmente über Gerechtigkeit, Moral, Teilhabe und Empörung (auch über Stéphane Hessel).

Breit rezipiert wurde das Buch oftmals mit wenig schmeichelhaften Attributen versehen. Alexander Wallasch schrieb in „Cicero“, dass Augstein im Schatten der Finanzkrise noch einmal eine moralische Legitimation des überstrapazierten Slogans „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ versucht. (Cicero, 14.8.2013) Wir erinnern uns?! Alfred Auer 

 Augstein, Jakob: Sabotage. Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen. Berlin: Hanser, 2013. 299 S., € 19,90 [D], 20,50 [A] ; ISBN 978-3-446-24404-7