Vielfältige Aspekte des Zusammenhangs von Geld, Schuld und Schulden thematisiert ein vom Philosophen Thomas Macho herausgegebener Band, der Beiträge unterschiedlicher Fachdisziplinen sowie aus der Kunst verbindet. Während Geld ein Versprechen auf die Zukunft sei („Ich weiß nicht, was passieren wird und weiß nicht was ich brauchen werde, aber wenn ich Geld habe, weiß ich, dass ich meine Bedürfnisse befriedigen können werde, selbst und gerade wenn sie unsicher bleiben“, S. 59), haben die Finanzspekulationen der letzten Jahre das Gegenteil bewirkt: sie seien zum „Diebstahl der Zukunft auf Kosten der jüngeren Generationen“ (S. 63) geworden, so etwa die italienische Soziologin Elena Esposito. Dabei hätten gerade die Versprechen der Finanzwirtschaft zu diesem Dilemma beigetragen: „Wenn das Risiko nicht mehr riskant ist, riskiert derjenige mehr, der nicht riskiert, weil er eines möglichen Gewinns verlustig geht, weil er nicht dazu beiträgt, großzügig die Zukunft aller aufzubauen“, so sei suggeriert worden. Und wo sieht die Autorin den Ausweg? Verantwortung bedeute mit Heinz von Foerster, immer so zu handeln, dass die Anzahl der Möglichkeiten vermehrt werden. Dies sei auf die Finanzwirtschaft zu übertragen.

Michael Hutter vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bringt den vom Shareholder-Value-Kapitalismus eingeleiteten Paradigmenwechsel in anderer Weise auf den Punkt: „Zuvor waren die finanziellen Arrangements Hilfsmittel für die Produktion, jetzt sind Produktionsprozesse Hilfsmittel für Finanztransaktionen.“ (S. 202) Der Autor hofft auf ein mehrdimensionales Gegensteuern, das von neuen Rechtsregulierungen über bessere Risikovorhersagen bis hin zu einer Veränderung der „gültigen Vorstellungen von Eigentum und Besitz“ reichen wird. Letztlich müssten „in der Finanzwelt Formen des Kredits und der Verschuldung entstehen, die soziale Entwicklung fördern, statt sie zu beschränken“ (S. 206).

Dieter Schnaas, Chefreporter der WirtschaftsWoche, spricht von der „Oligarchisierung des Geldes“ und verweist auf die ambivalente Rolle der Politik, die „die Finanzmärkte jahrzehntelang als Durchführungsagentur zur Verbreitung des exzessiven Kreditismus missbraucht“ habe und nun „zur Geisel von Investmentprofis degradiert“ worden sei. Er plädiert für eine „Entpolitisierung des Geldes“ im Sinne der Restitution des Haftungsprinzips („Banken müssen sterben können“), der „entschlossenen Überwachung und Sanktionierung der Finanzmärkte“ sowie insbesondere „einer drastischen Erhöhung von Eigenkapitalquoten und Mindestreserven“ (S. 328).

Radikaler geht der in Paris lebende Soziologe Maurizio Lazarato die Sache an, wenn er Schulden dem Kapitalismus als inhärent beschreibt und eine Rückzahlung weder quantitativ („Es geht um hohe Summen“) noch qualitativ („Im Finanzkapitalismus sind die Schulden unendlich“) möglich sei. Daher gelte es, dieses Dispositiv umzukehren: „Wir müssen der Unmöglichkeit, die Schulden zu tilgen, eine andere Bedeutung geben und einfach ´nicht bezahlen´“ (S. 400).

Soweit exemplarisch einige Beiträge des Bandes mit aktuellen Bezügen. Viele der Aufsätze thematisieren auch philosophische, historische und künstlerische Aspekte, die hier freilich nicht ausgeführt werden können. Herausgeber Thomas Macho meint in der Einleitung, dass die zunehmende „Unlesbarkeit der Welt, eine Art von Expertendämmerung“ (S. 24) neue Formen der Kooperation brauche, auch in den Wissenschaften: „Gespräche, die mehr vom Zuhören leben als von Strategien der Wortergreifung und der Akkumulation von Redezeiten.“  Der vorliegende Band ist der Versuch, diesen transdisziplinären Dialog einzuleiten, auch wenn dieser dem Leser Offenheit abverlangt und das Bedürfnis nach Lösungen nicht zu Unrecht groß ist.

Hans Holzinger

Bonds.Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten. Hrsg. v. Thomas Macho. 544 S. München: W. Fink-Verl., 2014. € 49,90 [D], 51,50 [A]  ISBN 978-3-7705-5633-5

„Die Funktionsfähigkeit einer Marktwirtschaft hängt von einer Politik ab, die nicht den Preis des Geldes manipuliert, um ein Wachstum aufrecht zu erhalten, das sich von unserer Zukunft nährt.“ (Dieter Schnaas, in: Bonds S. 328)

„Die übermäßige Verwendung der Zukunft während der Jahre der finanziellen Euphorie führte zu der Gegenwart ohne Zukunft der heutigen Jugend.  Schuldig wären diejenigen, die sich zum richtigen Zeitpunkt nicht darum gekümmert haben.“ Elena Esposito, in: Bonds, S. 64)