Es sind mehr als 600 Seiten, die das Werk „Wer regiert die Welt?“ von Ian Morris umfasst. Das erscheint viel, wenn man es mit anderen Neuerscheinungen vergleicht. Wenn man aber bedenkt, dass auf diesen Seiten erklärt werden soll, warum sich die Menschheit entwickelte, wie sie es tat, und wie es weitergehen wird, dann verdient das Buch durchaus als „kompakt“ bezeichnet zu werden. Ian Morris ist zu danken, dass diese kompakten 600 Seiten gut lesbar, nachvollziehbar und zudem auch noch unterhaltsam sind.

 

Morris stellt die Frage, warum der Westen die Welt regiert. „Damit meine ich die Handlungsfähigkeit von Gesellschaften – das Vermögen, ihr materielles, ökonomisches, soziales und intellektuelles Umfeld nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten.“ (S. 33) Und er fragt, was als Nächstes passieren wird.

 

Den aktuellen Vorsprung des Westens erklärt Morris immer im Verhältnis zum Osten mit China als Zentrum. Und er erklärt, dass der Westen in den vergangenen 15 Jahrtausenden 14 Jahrtausende lang der am weitesten entwickelte Teil der Erde war. Die Dominanz des Ostens datiert er mit 550 bis 1775 unserer Zeitrechnung.

 

Zur Beantwortung seiner Fragen bemüht Morris vor allem drei Instrumente: Biologie, Soziologie und Geographie. Er kommt zu dem Ergebnis, dass biologische und soziologische Gesetzmäßigkeiten die Entwicklung der Menschheit bestimmen. Der Autor argumentiert, dass die Gesetzmäßigkeiten auf dieser Welt bemerkenswert identisch wirken. Die Unterschiede zwischen Ost und West ergeben sich aus geographischen Besonderheiten. Die Bedeutung geographischer Situationen sei dabei vom Stand der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig. So war die Randlage der iberischen Halbinsel zeitweise Nachteil aufgrund der großen Distanz zu den Zentren Mesopotamien und Ägypten. Mit der Weiterentwicklung der Schifffahrt und den Entdeckungen der Neuen Welt änderte sich die geographische Position zum Vorteil. Schließlich führt Morris im Kern seiner Arbeit noch die These vom „Vorteil der Rückständigkeit“ ein. „Es mag befremdend klingen, aber die größten Fortschritte erlebt die gesellschaftliche Entwicklung oft da, wo Techniken, die von einem höher entwickelten Kerngebiet übernommen werden, nicht besonders erfolgreich angewandt werden. Manchmal liegt es daran, dass die Probleme, die mit der Übernahme alter Techniken in einer neuen Umgebung verbunden sind, umwälzende Neuerungen erzwingen, […].“ (S. 41) Ein Beispiel: Das höher entwickelte China hatte einen modernen Staatsapparat, der die Küste zentral kontrollieren konnte. Deswegen konnten Herrscher Expeditionen verhindern. Europa war zersplittert, es „konnte ein Monarch nach dem anderen sich weigern, Kolumbus´ aberwitziges Abenteuer zu finanzieren, aber es fand sich doch immer ein nächster, den er um das Geld angehen konnte.“ (S. 25 ff.)

 

Das Rückgrat des Buches ist ein Index gesellschaftlicher Entwicklung, den Morris konzipiert hat. Er umfasst die Fähigkeiten zur Energieausbeute, zur Organisation, zur Informationsverbreitung und -verarbeitung sowie zur Kriegsführung. Natürlich sind Morris die Probleme der Auswahl der Kriterien und der Quantifizierung bewusst, und er reflektiert diese. Im Ergebnis bietet sich ein Bild der gesellschaftlichen Entwicklung, das die Jahre von 14.000 vor unserer Zeitrechnung bis zur Gegenwart und (im Kapitel 12) bis zum Jahr 2100 umfasst. Das große Bild zeigt vor allem die beeindruckende Synchronität der zivilisatorischen Entwicklung zwischen Ost und West. Umso bemerkenswerter ist, wie sehr geringe Überlegenheiten sich in der Dominanz des einen oder anderen Lagers auswirkten. Morris zeigt zudem, dass wir mit einem exponentiellen Anstieg dieser Dynamik zu rechnen haben.

 

Auf der Grundlage dieses Musters stellt sich der  Autor die Frage, wie sich die Erde in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. Nachdem er einschlägige Theorien reflektiert, blickt er auf die von ihm konzipierte Grafik der gesellschaftlichen Entwicklung, das „große Bild“ sowie die Entwicklung seines Index, und kommt dabei zu folgendem Befund: „Angesichts dieser Entwicklung fallen alle Prognosen, die ich im vorigen Abschnitt dargestellt habe, in sich zusammen.“ (S. 566) Die anstehende Entwicklung, so konstatiert Morris, sei schwindelerregend. Im 21. Jahrhundert wird die gesellschaftliche Dynamik so sehr ansteigen, „dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte“ (S. 567). Morris sieht zwei Entwicklungsmöglichkeiten. Zum einen könnte eine neue „Singularität“ im Sinne von Ray Kurzweil entstehen. Darunter versteht dieser den Zeitpunkt, ab dem die künstliche Intelligenz in der Lage ist, ihre technische Apparatur selbst zu verbessern, und unsere unverstärkte Intelligenz der weiteren Entwicklung nicht mehr zu folgen vermag. Die Bedeutung zwischen „Ost“ und „West“ würde dann irrelevant. Morris reflektiert aber auch die Gefahren von Krieg, Klimawandel, Staatszerfall und Seuchen und meint, dass es durchaus denkbar ist, dass wir diese neue Singularität gar nicht mehr erleben werden. „Der Druck auf die Ressourcen wird größer werden, neue Krankheiten werden sich herausbilden, Atomwaffen werden weitergegeben werden und extreme Wetterereignisse werden unsere Überlegungen in unvorhersehbarer Weise umstoßen. Der Glaube, wir könnten solche Gefahren dauerhaft ausbalancieren, hat etwas Aberwitziges.“ (S. 582) Morris spricht von nichts weniger als einer Epochendämmerung. S. W.

 

Morris, Ian: Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Frankfurt/Main: Campus, 2011. 656 S.,  € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 37,90

 

ISBN 978-3-593-38406-1