Editorial aus der ProZukunft-Ausgabe 1/1998

Mit zunehmender Hektik und - zugestanden - durch- aus gutem Willen sind die Regierungen der Europäischen Union derzeit damit befasst Strategien zu entwickeln und zu akkordieren, mit denen es gelingen soll. die Massenarbeitslosigkeit abzubauen. Die ausgegebenen Parolen und angepriesenen Rezepte, von einer emsigen Schar von „Öffentlichkeitsarbeitern" je nach Standort ablehnend, Beifall heischend oder - viel zu selten - auch mit von tragfähigen Alternativvorschlägen begleiteter Kritik an Mann und Frau gebracht. stimmen fast immer ein in ein altes, wohl bekanntes Lied: Das Lied der (Erwerbs)Arbeit: Komponiert vor mehr als 150 Jahren, hat es die Epoche der Industriegesellschaft begleitet und will. mit neuen Strophen angereichert, doch nicht mehr passen, um tragfähige Perspektiven für das nächste Jahr- hundert abzugeben: Arbeit und Einkommen - wo möglich für alle - soll ein von staatlichen Eingriffen ungehemmt agierender .freier Markt" gewährleisten, dessen Konsumkatakomben und (zunehmend menschenleere) Fertigungshallen just dort entstehen, wo angeblich weitsichtige Politiker durch Subventionen, Steuerbegünstigungen (und vielleicht auch mehr) alles daransetzen, um im Kampf um den "Standort X" einen Pyrrhussieg zu erringen.

Die Quadratur des Kreises, wir wissen es längst kann nicht gelingen. "Man sollte", so schrieb etwa der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler schon 1994, "endlich der Realität ins Auge sehen: Die Unternehmen stellen aus dem einfachen Grund nicht ein, weil sie niemanden brauchen." Ist also die "gewaltige Auseinandersetzung zwischen den Kräften der [zu Ende gehenden] Industriegesellschaft und der [im Entstehen begriffenen] Kommunikations-, Informations- oder auch Kulturgesellschaft", von der der Schweizer Journalist und Zukunftsforscher Rolf Homann in seinem jüngsten Buch ausgeht, (1) tatsächlich unausweichlich? Sie ist wahrscheinlich, wenn wir den Anforderungen von morgen mit Schablonen von (vor)gestern begegnen. Dass hingegen zur Erfindung, Erprobung und Umsetzung "anderer Zukünfte" ein reichhaltiger Werkzeugkasten mit vielfach erprobten Instrumenten bereitsteht ist bei Homann (nebst einigen satirischen Anmerkungen über die gängige Praxis der Unternehmensberatung sowie bedenkens- und zum Teil auch hinterfragenswerten Vorschlägen für die Weiterentwicklung von Arbeit Aus- und Weiterbildung nachzulesen. Vor allem auch das "Manifest für die Zukunft" - für den Autor "der Versuch eines Beginnens", der die derzeit aktuelle Diskussion um die Ausarbeitung von „Menschenpflichten" ergänzen könnte, verdient breite Resonanz.

Kaum anderes ist über eine Vielzahl der in dieser Ausgabe vorgestellten Neuerscheinungen zu sagen: Praxisbezogene Vorschläge zu einer "Wirtschaft von unten" (Nr. 12), zur Transformation der Arbeit ausgearbeitet von einer interdisziplinären Forscherinnengruppe (Nr. 11) sind ebenso hervorzuheben wie der Band „Reparaturgesellschaft", in dem - man höre die Signale - Mitglieder des Österreichischen Gewerkschaftsbundes ebenso vehement wie schlüssig für einen Wandel des verbrauchsorientierten Wohlstandsmodells in Richtung einer qualitativ und ökologisch ausgerichteten Wirtschaft und Lebensweise plädieren und - einmal mehr - anhand konkreter Beispiele auch demonstrieren, wie das auf breiter Basis umzusetzen wäre. Es ist in Anbetracht dieser (und vieler weiterer) Vorschläge schier unglaublich, aber leider immer noch wahr, dass das Projekt einer zukunftsfähigen Entwicklung nur so langsam vorankommt. Kann die "kulturelle Erosionskrise", die Oskar Negt in einem historisch fundierten Beitrag über das Elend der gegenwärtigen Schule ausmacht (vgl. Nr. 34), gar das Projekt der Aufklärung, dem v.a. Europa historisch verbunden und verpflichtet ist zum scheitern lassen? Veränderte, unüberschaubare Zeiten bedürfen, wie Negt es überzeugend darlegt, auch neuer sinnstiftender Fragen. Was soll ich wissen? Was kann ich tun? Was muß ich hoffen? Drei "Fragen an die Zukunft", die zu beantworten und umzusetzen wir aufgefordert sind. Walter Spielmann

 

(1) Homann, Rolf: Zukünfte, heute denken morgen sein. Zürich: Orell Füssli. ca. 200 s. DM / sFr 39.80 / öS 291.-