„Die Wälder gehen den Menschen voran, die Wüsten folgen ihnen.“ Wovor der französische Schriftsteller Francois-René Chateaubriand bereits im 18. Jahrhundert gewarnt hat, scheint sich gegenwärtig in dramatischer Weise zu bestätigen, liest man diesen aufrüttelnden Bericht von Emmanuelle Grundmann, Präsidentin des französischen Jane-Goodall-Institutes. Die Autorin lässt keinen Zweifel, auf wessen Seite sie steht. Sie kritisiert den rasanten Raubbau an den Regenwäldern, der nicht nur den Klimawandel beschleunigt, sondern – und das wird meist übersehen – vielen Ursprungsbevölkerungen (Indigenas), die in und von den Wäldern leben, ihre Existenzgrundlagen entzieht.

 

Zunächst ein paar Fakten: Heute sind nur noch 5 Prozent der Erdoberfläche von Wald bedeckt, vor nicht einmal hundert Jahren waren es noch 15 Prozent. Zwischen 2000 und 2005 wurden laut FAO Jahr jährlich 13 Mio. Hektar Regenwald abgeholzt, 6,25 Mio. davon waren Primärwald. Das sind Jahr für Jahr 0,85 Mio. Hektar mehr als zwischen 1990 und 2000. Anders als die Rodungen in früheren Jahrhunderten bei uns, die der Urbarmachung von Ackerland für die Ernährung der örtlichen Bevölkerung dienten, geht der gegenwärtige Raubbau vor allem auf den Holzhunger der reichen Länder zurück; und die Gewinne laufen überwiegend – nicht nur – auf die Konten der wenigen großen Holzkonzerne. „Ein Viertel der Bevölkerung verbraucht drei Viertel des Holzes“ (S. 104) – eine Schieflage, die wir von vielen Rohstoffen kennen! Das große Problem sowohl in Hinblick auf die Umwelt wie auch auf die Indianerstämme, die im Wald leben, ist der illegale Holzeinschlag, der in Brasilien oder Kamerun knapp die Hälfte, in Indonesien fast drei Viertel der Rodungen ausmacht.

 

Die Autorin beschreibt detailliert den Raubbau an den Wäldern und seine sozialen wie ökologischen Folgen. Und sie nennt die Verantwortlichen beim Namen, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, wie eine im Buch wiedergegebene Liste ermordeter AktivistInnen beweist. Doch noch sei es zur Umkehr nicht zu spät („Der Wald ist recht widerstandsfähig, wenn man ihm Erholung zugesteht.“ S. 44). Daher schildert die Primatologin auch zahlreiche Widerstandsaktionen sowie erste Erfolge von Medienkampagnen. Die französische Regierung kauft beispielsweise ab 2010 nur mehr Tropenholz mit dem Nachhaltigkeitssiegel des Forest Stewardship Council (FSC). Auch wenn diese Nachhaltigkeitssiegel (bisher gibt es vier internationale Siegel) Mängel aufweisen (z. B. bei Plantagenanbau), seien dadurch laut Grundmann „eklatante Fortschritte in der Bewirtschaftung der Wälder“ gelungen. Kritisch hingegen sieht die Autorin den Emissionshandel: „Wie viele Bäume wir auch pflanzen mögen, sie werden niemals ausreichen, um die unglaublichen Mengen an Emissionen auszugleichen, die wir durch Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Luft blasen“ (S. 287). Ein von Grundmann zitierter Waldhistoriker meint, dies sei, als ob wir den Menschen empfehlen würden, mehr Wasser zu trinken, um den Meeresspiegelanstieg aufzuhalten. Ein drastischer Vergleich. Der Band schließt mit ersten vorbildhaften Beispielen einer nachhaltigen, lokalen Waldbewirtschaftung, die von der ortsansässigen Bevölkerung betrieben wird und deren Erträge daher auch dieser zu Gute kommen. Ein Weg, der nun etwa in Kenia beschritten wird. H. H.

 

Grundmann, Emmanuelle: Wälder, die wir töten. Über Waldvernichtung, Klimaveränderung und menschliche Unvernunft. Jane Goodall (Vorw.). München: Riemann, 2007. 319 S., € 18,- [D], 18,50 [A], sFr 32,-

 

ISBN 978-3-570-50086-6