Auf den ersten Blick erscheint es gewagt, Nachhaltigkeit und Kultur, Begriffe, über die endlos zu diskutieren ist und die sich einer klaren Definition beharrlich entziehen, zusammenzuführen. Versteht man jedoch unter Kultur, so wie die Herausgeberinnen, „nicht mehr und nicht weniger als die Art wie wir leben“ (S. 10), dann stellt sich die Aufgabe, die beiden Termini gemeinsam in den Blick zu nehmen, geradezu zwingend: Im Wissen darum, dass unser Lebensstil weder auf Dauer tragfähig noch verallgemeinerbar ist, gilt es danach zu fragen, wie wir in Zukunft angemessen, gut und sinnvoll leben wollen und wie wir entscheiden, welche Form des Zusammenlebens die angemessene ist.

 

Themen wie diesen widmet sich das im Februar 2007 eingerichtete Institut für „Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit“ (IKN) an der Universität Klagenfurt. Der vorliegende Band fasst erste Befunde eines Reflexionsprozesses zusammen, der – bei allen Differenzierungen im Detail – das Postulat einer „kulturellen Nachhaltigkeit“ als konkrete Herausforderung für Politik und Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Medien begreift.

 

Im ersten, theoretischen Grundlagen einer Kulturellen Nachhaltigkeit gewidmeten Teil kommt Peter Heintel zunächst auf die Qualität nachhaltiger Entscheidungen zu sprechen. Er plädiert dafür, neben der „Schutzfunktion“ vor allem die kommunikative, organisatorische und selbstreflexive Bedeutung von Nachhaltigkeit in den Blick zu nehmen. In den Mittelpunkt der anschließenden geschichtsphilosophischen Reflexionen rückt Heintel die Dialektik der Freiheit, in deren Verlauf Kultur und Natur zunehmend als Gegenpole verstanden und technologisch-ökonomischer Fortschritt erst möglich wurde. In der gegenwärtigen „Zeit des Übergangs“ aber zeige sich, dass Kurzfristigkeit, Zeitverdichtung und Beschleunigung nicht „überlebensnotwendige Strategien“, sondern vielmehr ein „Zeichen für endende Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit“ und somit Ausdruck einer „Systemschwäche“ sind (S. 51). Um gegenzusteuern müsste, so Heintel, u. a. die „Kultur einer immateriellen Nachhaltigkeit“ Platz greifen. Im dritten, umfangreichsten Beitrag setzt sich der Philosoph mit dem Kulturbegriff auseinander, dem er  eine Identitäts-, Orientierungs- und Ordnungsfunktion zuschreibt. Im Durchdenken verschiedener Parameter von Nachhaltigkeit und Kultur stellt Peter Heintel vor allem die Attraktivität unserer dominanten „Globalkultur“ zur Diskussion und – wenig überraschend – auch in Frage.

 

Um auf dem Weg zu kultureller Nachhaltigkeit voranzukommen, sollten dabei nicht nur materielle Erwartungen und Standards etabliert, sondern auch immaterielle Parameter (Werte, Wünsche) in den Blick genommen werden. Eine „Kultur der Nachhaltigkeit“ sei, so verstanden, vor allem „Bildungsprogramm“.

 

Larissa Krainer, Professorin am IKN, durchleuchtet in ihrem ersten Beitrag die Voraussetzungen „nachhaltiger Entscheidungen“ und stellt einleitend die nur scheinbar triviale Frage: „Können wir uns entscheiden?“ Im Folgenden aufbereitet – und spannend nachzuvollziehen – sind die Analyse und Vorschläge zur Organisation gelingender Entscheidung(sProzesse), die, wie wir aus alltäglicher und auch komplexer (Welt)Erfahrung wissen, alles andere als selbstverständlich oder leicht zu erzielen sind.

 

Einen Überblick zur Nachhaltigkeitsdiskussion in deutschen Sprachraum bietet Ines Oehme zu Beginn des zweiten Teils, der „Interdisziplinäre Anknüpfungspunkte und Konkretisierungen von Nachhaltigkeit“ versammelt. Den Zusammenhang von materieller Kultur, Wohlstand und Besitz thematisiert Renate Hübner. Rita Trattnigg, Mitherausgeberin, Politologin und Mitarbeiterin des Umweltministeriums in Wien, konstatiert in ihrem auch stilistisch ambitionierten Beitrag – hier kommt „Nachhaltigkeit“ persönlich zu Wort – ein zwar spannungsreiches, aber potenziell für beide Seiten auch Gewinn bringendes Verhältnis zwischen „Politik“ und „Nachhaltigkeit“. Trattnigg durchleuchtet „Beziehungsschauplätze“ (Politik, Wirtschaft, Medien u. a.), analysiert „Beziehungsmuster“ (Was brauchen/erwarten die Akteure?) und gibt, gebündelt zu acht Thesen, Therapieempfehlungen für ein besseres Miteinander. Zusammenfassend wünscht sich die Autorin – und wer möchte ihr da widersprechen – von einer „zukunftsfähigen Politik“: Ideenstreit, Mut, bewusste Zukunftsgestaltung als politisches Prinzip, eine neue Verhandlungskultur, die Änderung von Mind-Sets, den Shift in Richtung Nachhaltigkeit sowie den [auch von „uns allen“ zu erbringenden Nachweis, W. Sp.] dass „wir alle Politik sind“ (S. 309).

 

Dass sich aus Sicht der Zivilgesellschaft die Nachhaltigkeitsdebatte vorerst vor allem als „Feld kollektiven Unbehagens“ ausnimmt, ist Thema von Helmut Friessner; Perspektiven eines der Nachhaltigkeit verpflichteten Journalismus und zu ihrer verstärkten Implementierung in Bildung, Wissenschaft  und Forschung untersucht Larissa Krainer, ehe zum Abschluss H. P. Groß über den Versuch der institutionellen Verankerung von Nachhaltigkeit an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt berichtet.

 

Aufbruchsstimmung im besten Sinn vermittelt dieser Band. Indem (fast) durchwegs neue, spannende Fragen aufgeworfen, aber nicht definitiv beantwortet werden, bleibt am neu gegründeten Institut (und auch darüber hinaus) vor allem in Bezug auf die angestrebte „gesellschaftliche Intervention“ noch jede Menge zu tun. Dazu viel Erfolg! W. Sp.

 

Kulturelle Nachhaltigkeit. Konzepte, Perspektiven, Positionen. Hrsg. v. Larissa Krainer … München: oekom Verl., 2007. 440 S., € 49,90 [D],

 

51,40 [A], sFr 87,30

 

ISBN 978-3-86581-080-9