"Wer das Alter preist der hat ihm noch nicht ins Gesicht gesehen", schreibt Norberto Bobbio in Abwandlung eines bekannten Satzes Erasmus von Rotterdams über den Krieg (S.54). Der Autor, 1909 in Turin geboren, durch ein reichhaltiges, auch international vielgeachtetes Oeuvre zur Rechtsphilosophie und Politikwissenschaft ebenso hervorgetreten wie als politisch Aktiver und Zeitzeuge - unter anderem war er Mitglied der radikaldemokratischen „partio d’Azione“, Journalist und zählt heute als "Senator auf Lebenszeit" zu den herausragenden Persönlichkeiten Italiens -, legt mit diesem zweiteiligen Essay über das Alter ein Buch vor, das der von permanenter Beschleunigung und dem Versprechen auf "ewige Jugendlichkeit" geprägten Gegenwart ebenso leise wie bestimmt Widerstand leistet. Die Offenheit mit der Bobbio über den für ihn unerwartet erreichten Lebensabschnitt spricht - "Ich bin immer noch da" - sowie die gleichermaßen tiefgründig wie verständliche Sprache mit der er über den Wert der Erinnerung - der einzige, der dem Alter bleibt -, die Verlangsamung („Die Zeit drängt. Ich müßte schneller werden, um noch rechtzeitig anzukommen, stattdessen erlebe ich Tag für Tag, daß ich gezwungen bin, mich immer langsamer zu bewegen. Ich benötige mehr Zeit und habe doch immer weniger." S.60), den Tod und die nicht entscheidbare Frage nach einem Leben danach handelt („Ich glaube, daß ich nicht glaube", S. 48), kann nur zum Teil erklären, weshalb von diesem Text allein in Italien in kurzer Zeit mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden. Nicht minder wertvoll sind in unserem Zusammenhang jedoch die vom Wagen bach-Verlag beigegebenen Texte. In der autobiographischen Skizze "An mich selbst" geht Bobbio beispielsweise auf den Dialog als Grundlage der Demokratie ein, um doch auch festzustellen: "Unzählige Male habe ich den Dialog gepriesen, jedoch ohne ihn zu einem Fetisch zu machen. Es genügt nicht miteinander zu sprechen, um einen Dialog zu führen" (S.16). Auch der Rat an Politiker, "ihre Zukunftsprognosen, aus denen sie nicht zuletzt auch Richtlinien für ihr Handeln ableiten, von Zeit zu Zeit mit dem zu vergleichen, was tatsächlich geschehen ist und genau zu untersuchen, wie groß und wie häufig die Übereinstimmung zwischen beidem ist", verdient Beachtung. (Es sei angefügt, daß der Autor hinsichtlich positiver Ergebnis-  se dieser Prüfung äußerst skeptisch und mit dem Blick auf die Lage zu Ende dieses Jahrhunderts insgesamt enttäuscht ist) Nichtsdestoweniger skizziert Bobbio in seiner "Intellektuellen Autobiographie" sowie in den Beiträgen "Recht und Macht" und in der den Band beschließenden "Bilanz" den Weg zu einer friedvolleren Gesellschaft jenseits der Jahrtausendwende: Menschenrechte, Demokratie und Frieden sind, so Bobbio, "drei notwendige Momente innerhalb derselben historischen Entwicklung: ohne wirklich anerkannte und geschützte Menschenrechte gibt 6S keine Demokratie; ohne Demokratie gibt es nicht einmal die Mindestvoraussetzungen für eine friedliche Lösung von sozialen Konflikten. Mit anderen Worten: Die Demokratie ist eine Gesellschaft von Bürgern. Untertanen werden zu Bürgern, wenn ihre Grundrechte anerkannt werden. Dauerhafter Frieden, ein Frieden, der die Alternative des Krieges nicht mehr kennt wird erst herrschen, wenn es nicht mehr nur Bürger dieses oder jenes Staates gibt sondern Bürger einer Weltgesellschaft, die nach einem demokratischen Rechtssystem geordnet ist" (S. 109). W Sp.

Bobbio, Norberto: Vom Alter - De Senectute. Berlin: Wagenbach 1997. 125 S.