Der Wiener Verkehrsplaner Hermann Knoflacher weist seit vielen Jahren darauf hin, wie die expansive Automobilität lokale soziale und ökonomische Strukturen zerstört hat. In „Virus Auto“ fasst der Autor noch einmal pointiert und treffsicher zusammen, wie das Auto unser Denken, Fühlen, Handeln und damit auch unsere Lebensräume kolonialisiert. „Autofahrer verteidigen nicht den Lebensraum ihrer Nachkommen, sondern den ihrer Fahrzeuge“ (S. 127), ist der Verkehrsexperte überzeugt. Während der Fußgänger als „Zweibeiner im aufrechten Gang“ ein geselliges Wesen gewesen sei, wäre dieser als Autofahrer zum „Vierbeiner mit dem Kommunikationsrepertoire von Insekten“ (ebd.) mutiert. Auch Knoflacher verweist auf die kulturelle Verarmung durch den Industrialismus, der jedoch seiner Ansicht nach nur gemeinsam mit dem Automobilismus zu denken sei. „Heute sind viele Dörfer zu Satteliten-Schlafgesellschaften geworden, die einst belebten Straßenräume zu Parkplätzen für Autos, deren Besitzer meist eintönigen Beschäftigungen in der Stadt, in der Industrie oder in Super- und Fachmärkten nachgehen und kaum mehr in der Lage sind, selbst etwas zu produzieren“(S. 134) , so der Verkehrsexperte. Das Auto habe die „Qualität der Nähe“ zerstört und die Menschen durch die von ihnen errichteten Strukturen in eine „geradezu tödliche Falle“ gelockt: die Vielfalt des lokalen Know hows sei ebenso zerstört worden wie die Komplexität der sozialen Strukturen und damit die „Freiheit der eigenständigen Zukunftsgestaltung“ (ebd.). Das Pendlerdasein belaste nicht nur die Familien und entfremde Kinder ihren Eltern, sondern lasse auch eine Konzentration der Wirtschaft zu, „die soziale Beziehungen durch Anonymität ersetzt und damit zerstört“ (S. 182).

 

Knoflacher, mittlerweile „globaler Fußgehervertreter der Vereinten Nationen“, provoziert und spitzt zu („Tierquälerei ist gesetzlich verboten. Menschenquälerei nicht; in der automobilen Gesellschaft ist sie zur Norm geworden.“ S. 218), aber er macht – wie der Band über Regionalwirtschaft (s. o.) – deutlich, dass nicht alle modernen Errungenschaften die Lebensqualität erhöhen und insbesondere dass es sich lohnt, Zukunftsentwürfe jenseits des Mainstreams wieder denken zu wagen.

 

H. H.

 

Knoflacher, Hermann: Virus Auto. Die Geschichte einer Zerstörung. Wien: Ueberreuter, 2009. 221 S., € 19,95 [D],  20,55 [A], sFr 34,80

 

ISBN 978-3-8000-7438-9