Einen weniger normativen Zugang zu Regionalentwicklung wählte ein Forschungsteam des Grazer Joanneum Research in seinem Projekt „Zukunftsszenarien für den Verdichtungsraum Graz-Maribor“. In „LebMur“ – so der Kurztitel für „Lebensraum Mur“ – wurden basierend auf einer umfassenden sozioökonomischen Analyse der grenzüberschreitenden Region drei mögliche Zukunftsszenarien entwickelt. Ausgangspunkt war dabei zum einen die heterogene Struktur des insgesamt sechs Subregionen umfassenden Untersuchungsgebietes – vom Maschinen- und Motorencluster des Grazer Raums und dem Dienst- leistungszentrum Maribor über die von intensivem Tourismus geprägte Südsteiermark bis hin zur stark agrarisch geprägten slowenischen Region Pomurska mit noch über 20 Prozent landwirtschaftlich Beschäftigten. Zum anderen wurden den Regionalszenarien mögliche Trends auf europäischer Ebene sowie einschlägige Klimaszenarien des IPCC zugrundegelegt. An insgesamt 16 Einflussfaktoren („Deskriptoren“) zu den Bereichen „Mensch“, „Umwelt“ und „Wirtschaft“ konnten die möglichen Zukunftsbilder schließlich auch empirisch unterlegt werden (nähere Beschreibung S. 127).

 

Drei Entwicklungszenarios

 

Das Entwicklungsszenario 1 „Wissensintensiver Produktionsstandort“ basiert auf dem europäischen Rahmenszenario „Triumph der Märkte“ sowie dem IPCC-Szenario „rapid and successful economic development“. Die Region konzentriert sich auf ihre Stärken im Ingenieur- und Technikbereich; es kommt zum Ausbau von High Tech-Produktionsstätten. Starkes Wirtschaftswachstum korrespondiert dabei freilich mit der weiteren Zunahme der regionalen und sozialen Disparitäten; die Vernachlässigung von Umweltaspekten führt in der Spätphase zu Ressourcenengpässen, die hohe Abhängigkeit von Energieimporten führt langfristig auch zu wirtschaftlichen Standortnachteilen. Der anfänglichen Wachstumseuphorie folgt das späte Lernen: „Ein Umdenken, aber auch eine Neuorientierung der Ausbildungsmöglichkeiten gelingen nicht zuletzt auf Druck wachsender Umweltprobleme und sinkender Lebensqualität in den Städten, insbesondere aber durch die steigenden Energiekosten und die damit verbundene sinkende internationale Konkurrenzfähigkeit.“ (S. 38)

 

Entwicklungsszenario 2 wird mit „High End Destination for Services“ umschrieben und basiert auf dem europäischen Rahmenszenario „Kulturerbe Europa“ sowie dem Klimaszenario „lower trade flows, relatively slow capital stock turnover and slower technological change“. Die Region konzentriert sich auf ihre kulturellen Stärken, die industrielle Produktion wandert weitgehend ab. Kultur- und Bildungstourismus der Städte wird ergänzt durch Gesundheits- und Erholungstourismus der ländlichen Regionen, die erfolgreich in die Entwicklung integriert werden. Soziale Dienstleistungen sorgen für einen Ausgleich in der Bevölkerung, die sozialen Potenziale der Region werden genutzt; im Gegensatz zu Szenario 1 nimmt der Anteil älterer Menschen überproportional zu. Umweltaspekten wird auch hier wenig Beachtung geschenkt, was aber aufgrund der ressourcenleichteren Dienstleistungen weniger stark ins Gewicht fällt.

 

Das dritte Entwicklungsszenario „Région Créateur d´Alternative“ schließlich setzt auf eine Wirtschaftspolitik der Nachhaltigkeit. Zugrunde liegen das EU-Rahmenszenario „Nachhaltigkeitsstandort Europa“ sowie das IPCC-Szenario „environmental and social sustainability“. Die Nutzung erneuerbarer Energieträger und Rohstoffe wird forciert. Durch die Fokussierung der F&E-Ausgaben auf den Umwelttechnologiebereich gelingt die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Die Region mutiert zu einem europäischen Wissens- und Produktionszentrum für nachhaltige Technologien. Zugleich werden die Regionalwirtschaft sowie der öffentliche Verkehr in diesem Nachhaltigkeitsszenario stark ausgebaut.

 

 

 

Richtungsentscheidungen

 

Die Szenarien sind idealtypisch; ihnen liegen unterschiedliche Entwicklungsmodelle zugrunde – wirtschaftsliberale Expansion (1), ausgleichende Dienstleistungsorientierung (2) bzw. Nachhaltigkeitsorientierung (3). Alle drei Szenarien haben Vor- und Nachteile, so betonen die Autoren. Starkes Wirtschaftswachstum in Szenario 1 wird erkauft mit sozialen und ökologischen Problemen. Die Konzentration auf personenbezogene Dienstleistungen in Szenario 2 wiederum sei wirtschaftlich fragil: „Eine Ökonomie ohne produzierenden Bereich – eine reine Dienstleistungsgesellschaft – kann und wird es nie geben.“ (S. 59) Das Setzen auf Nachhaltigkeit in Szenario 3 schließlich erfordert einen entsprechenden Wertewandel in der Bevölkerung und in der Wirtschaft sowie entsprechende politische Rahmenbedingungen. Und „Jede Spezialisierung birgt auch beachtliche Risikopotenziale.“ (S. 59) Aufgrund der aktuellen Finanzkrise und den dadurch eingeengten Gestaltungsspielräumen der öffentlichen Hand geben die AutorInnen dem Szenario, das rasches Wirtschaftswachstum verspricht, derzeit die größte Eintrittswahrscheinlichkeit, auch wenn ihre Präferenzen für das Nachhaltigkeitsszenario, welches langfristige politische Strategien erforderte, immer wieder durchscheinen. Man wäre freilich geneigt, der Region die Verbindung der Vorzüge aller drei Szenarien nahe zu legen, um im Sinne einer pluralen Strategie mehr Resistenz (bzw. Resilienz) zu erreichen. In gewissem Sinne kann dies durchaus möglich sein – und die Szenariomethode kann dabei helfen, Zukunftschancen (und Gefahren) unterschiedlicher Entwicklungswege klarer zu erkennen, was aber wohl nicht vor Richtungsentscheidungen bewahrt. Denn die dem Projekt angeschlossene ExpertInnenbefragung (VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft wurden hinsichtlich der Zukunfts- herausforderungen befragt) ergab sehr klassische Ergebnisse: Wirtschaftsförderung (ohne diese zu spezifizieren), Förderung von Forschung und Bildung sowie Berücksichtung der demografischen Herausforderungen galten als zentrale Nennungen. Auch Regionen müssen daher Prioritäten setzen; dass dabei auch neue Konzepte von Lebensqualität mit eine Rolle spielen werden, taucht in den Szenarien zumindest am Rande immer wieder auf. Deutlich ausgesprochen wird es von den WorkshopteilnehmerInnen, die Szenario 3 auf ihre Bedeutung für die Region analysiert haben: Das „Streben nach Vermehrung klassischer Wohlstandsindikatoren (wie BIP pro Kopf) sowie die Technologiefixierung gelten als überholt“ und es wurde ein neues Wohlstandskonzepts entwickelt, „das weiche Wohlstandsindikatoren berücksichtigt und ein nachhaltiges Steuerkonzept durchsetzt“, heißt es im Bericht. Und bei Wertewandel der Bürger: „Mein Wohlstand ist, dass ich kein Auto benötige hat sich durchgesetzt.“ (S. 87). Auch dies wäre ein lohnendes Zukunftsszenario. H. H.

 

Die Zukunft denken. Zukunftsszenarien für den Verdichtungsraum Graz-Maribor (Teil C). Hrsg. v. Franz Prettenthaler ... Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften, 2010. 178 S., € 29,- [D], 29,80 [A], sFr 49,-

 

ISBN 978-3-7001-3912-6