Erhellend in diesem Zusammenhang ist Peter Sloterdijks Studie über „Zorn und Zeit“. Anders als der sozialistischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Gewaltpotenziale der Philosoph freilich keineswegs verharmlost, fehle es heute an einer erfolgreichen Bündelung von Empörung, es gebe derzeit keine operative„Zornsammelstelle“, der es gelingt, Unrechtsempfinden zu politisieren und mit einem konsistenten Gegenentwurf zum Kapitalismus zu vereinen. Auch wenn die Krisenphänomene des „realen Kapitalismus“ unübersehbar seien – Sloterdijk spricht von „Kollapsverzögerung“, fehle es an attraktiven postkapitalistischen Modellen. Wir lebten in erotisierten Erregungsgesellschaften, in denen die Konsumversprechen das Politische vertrieben hätten. Oberstes moralische Gebot sei geworden: „Du sollst begehren und genießen, was auch immer dir durch genießende Andere als begehrenswertes Gut gezeigt wird.“ (S. 314). Sloterdijk spricht von „Zornzerstreuung in der Mitte“. Ein wichtiger Agent in der „Entpolitisierung der Populationen“ seien dabei die Massenmedien, die ihre „Stoffe“ neutralisieren, „um sämtliche Vorkommnisse dem Gesetz der Vergleichgültigung zu unterwerfen.“ (S. 318) Die demokratische Mission der Medien sei es, „Indifferenz zu erzeugen, indem sie den Unterschied zwischen Hauptsachen und Nebensachen auslöschen“ (S. 318). Dies führe zu einem „fortschreitenden Bedeutungsverlust der Sprache zugunsten von Bild und Zahl“ (S. 312). In diesen Kontext setzt der Autor auch die „pyromanischen Spiele“ der Jugendlichen in den Pariser Banlieus.

 

Wo liegen die Veränderungspotenziale der Zukunft? Der Islam werde es zwar schaffen, zukünftig einige „regionale Großbanken des Zorns“ zu errichten, diese würden „ihr Kapital“ aller Voraussicht nach aber blutig verschwenden, „statt es in zukunftsfähige Kultur- und Wirtschaftsunternehmen zu investieren“ (S. 351) Die „Dissidenzpotenziale in den Ländern des globalisierten Kapitalismus“ könnten nur dort selbst gesammelt werden, die steigende Kluft „zwischen den Überbelohnten und den normal oder schlecht Bezahlten“ als letzte „Klassenspaltung“ im Kapitalismus würde ein Movens dafür sein, neue Linksparteien wie jene von Oskar Lafontaine in Deutschland die Sammelbecken, so die Überzeugung des Philosophen. Dialektisch bezeichnet Sloterdijk daher den globalen Kapitalismus als einzig realistischen Akteur der notwendigen Veränderungen.

 

Wie lässt sich Zorn zivilisieren? Die christliche wie die kommunistische Zornbewegung hätten in historischer Perspektive auf Unrecht verwiesen und damit die Notwendigkeit von Kritik in die Welt gesetzt, dies sei deren Verdienst; nicht zukunftsfähig sei jedoch das beiden inhärente Vergeltungsdenken (einmal jen-, einmal diesseitig artikuliert), so der Autor weiter. Notwendig sei daher die „Befreiung des Geistes von Ressentiment“ (Nietzsche). Eine antiautoritär entspannte Moral sowie eine transkulturelle, offene „Ambitionskultur“ seien zum Ausgleich zu bringen „mit ausgeprägtem Normenbewusstsein und Respekt vor unveräußerlichen Personenrechten“ (S. 355). Die komprimierte oder globalisierte Welt werde freilich bis auf weiteres „multimegalomanisch und interparanoid“ bleiben. Große Politik geschehe daher „allein im Modus von Balance-Übungen“, was bedeute, „keinem notwendigen Kampf ausweichen, keinen überflüssigen provozieren“ (S. 255). Es gelte auch, den „Wettlauf mit den entropischen Prozessen, vor allem der Umweltzerstörung und der Demoralisierung, nicht verloren [zu] geben“. Hinzu gehöre schließlich, „sich immer mit den Augen der anderen sehen zu lernen.“ (ebd.). Daraus könne, so Sloterdijk abschließend, entstehen, was bislang sehr leichtfertig in den Raum gestellt wurde, nämlich: Weltkultur. Hierfür von Nöten sei Zeit, „Lernzeit für Zivilisierungen“, die Zorn integriert. Übersetzt in Realpolitik heißt dies für den Autor erstens: „ Wiederholung des posthistorischen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit“ auf transstaatlicher Ebene (Nur die Zähmung der spekulativen Geldwirtschaft, die zügige Implantation eigentumswirtschaftlicher Strukturen in den Entwicklungsländern und die Ausweitung des Sozialstaats in die übernationale Dimension könnten einer autoritären Wende des Weltkapitalismus analog den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entgegenwirken); Zweitens: Integration der nichtmenschlichen Akteure, der Lebewesen, der Ökosysteme in den Bereich der Zivilisation; Drittens: „Neutralisierung der völkermörderischen Potenziale in den von zornigen jungen Männern übervölkerten Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und anderswo“ durch eine „posthistorische Dedramatisierung“ (S. 70f). H. H.

 

Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006. 356 S., € 22,80 [D], 23,40 [A], sFr 48, 50 ISBN 978-3-518-41840-6 (Erscheint im Juni 2008 als Suhrkamp TB; € 12,-)