Richard Saage hat sich in der Utopieforschung durch sein systematisch-kritisches Herangehen bereits mit mehreren Publikationen hervorgetan. Mit der vorliegenden Arbeit. in der er die sozialwissenschaftliche Literatur der letzten 15 Jahre aufarbeitet, erschließt der Politikwissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die historisch-politischen Veränderungen, die sich insbesondere durch die Ökologiefrage sowie durch das Ende des Staatssozialismus auch im Utopiediskurs ergeben haben. 44 Bücher und 23 Aufsätze hat er untersucht; sein Interesse ist - wie bereits angedeutet - ein sozialwissenschaftliches; politiktheoretische Modelle schied er daher ebenso aus wie sozialphilosophische Ansätze. Saage kommentiert zunächst die historische Entwicklung vom "utopischen Systementwurf", „Raum-Utopien") zur "utopischen Intention", "Zeit-Utopien"), die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus-Vorwurf sowie die Konfrontation materieller Utopien mit den ökologischen Grenzen. In der Folge werden neuere Arbeiten über die historische Dimension der Utopie sowie - und damit gelangen wir zu den aktuellen politischen Bezügen - ihr gegenwartspraktischer Geltungsanspruch herausgestellt. Saage referiert dabei Burghardt Schmidts Suche nach utopischen Elementen in der Postmoderne ("Am Jenseits zu Heimat") ebenso wie Rolf Schwendters Adaption des Utopiebegriffs in einer pluralisierten, von Subkulturen geprägten Spätindustriegesellschaft zu Ende des 20.Jahrhunderts. Die neuen ”Minimalutopien". die sich in Landkommunen nicht weniger zeigen als in Widerstandsorganisationen gegen Atomkraftwerke, vollziehen demnach den Bruch mit der "marxistischen Fortschrittsideologie" und verweisen zugleich auf das, was mit ”postmateriellen Utopien" bezeichnet wird, seien diese technikorientiert wie bei Gorz, Toffler und Jones, oder technikabgewandt wie bei Ivan Illich und Rudolf Bahro. Saage referiert und kommentiert zudem auch die Auseinandersetzung um "linke Utopien" nach dem Scheitern des Realsozialismus, etwa Johano Strassers Beharren auf einem demokratischen Utopiebegriff oder die Diskussion über die "Lern- und Entwicklungsfähigkeit des Kapitalismus". Er gelangt zuletzt zu den "utopischen Potentialen der alternativen Bewegungen", wobei er neben der Frauenbewegung insbesondere auf die Öko-Bewegungen U.a. in Referenz zu Jost Hermands Abhandlung über die Geschichte des ökologischen Denkens in Deutschland) Bezug nimmt. Ein neues Verhältnis zur Natur werde nur dann möglich sein, mahnt Saage abschließend ein, wenn wir uns von der ”Utopieabstinenz" sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Prognostik verabschieden, und die Sozialwissenschaften die Fähigkeit wiedererlangen, "die Zukunft, die wir haben wollen, zum Gegenstand öffentlicher Diskurse zu machen". Saages "Bilanz" gibt einen ausgezeichneten Einblick in die aktuelle Utopieforschung am Ende dieses Jahrhunderts. Sie macht - ohne dies auszusprechen - aber auch deutlich daß die Grenzen hin zur Diskussion über nachhaltige Entwicklung und ökologische Lebensstile, wie sie etwa in den" Wendeszenen" von ”Zukunftstehigee Deutschland" dargelegt werden, nicht mehr zu ziehen sind. H. H.

Saage, Richard: Utopieforschung. Eine Bilanz. Darmstadt: Primus-Verl., 1997. 196 S.