Henry Farrell, Abraham Newman

Underground Empire

Ausgabe: 2024 | 2
Underground Empire

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten in Osteuropa zu Beginn der 1990er-Jahre versuchte man zu erfassen, welche neue Weltordnung entstehen würde. Eine der wichtigsten Theorien war, dass nun immer mehr Länder der Welt in immer engeren Kontakt zueinander treten werden. Netzwerke des Handels, der Kommunikation, der Politik würden globalisiert. Die Macht der Nationalstaaten würde geringer werden, die Vernetzungen würden Kriege zwischen Nationalstaaten unwahrscheinlicher machen. Henry Farrell und Abraham Newman blicken 2023 auf die Entwicklung der Netzwerke und kommen zu einem ernüchternden Schluss: Die Netzwerke sind keineswegs (mehr) dezentrale Strukturen, die gleichen Zugang ermöglichen und dem fairen Austausch dienen. Vielmehr sind sie zu Instrumenten der Macht von Nationalstaaten geworden (sie zeigen etwa, wie die USA im Finanzbereich ihren Einfluss auf das SWIFT-Netzwerk, das Geldüberweisungen ermöglicht, für ihre politischen Ziele nutzt). Diese Netzwerke der Information, des Geldes, der Warenlieferungen seien keineswegs gleichwertig strukturiert. Es gebe Key-Nodes, Schlüssel-Knoten im Netzwerk, mit besonderer Bedeutung, und Choke-Points, Engpässe. Das Innehaben von Schlüssel-Knotenpunkten ermögliche bessere Sicht darauf, was im Netzwerk passiert. Bei Engpässen kann man Teilnehmenden das Passieren verwehren. Diese Möglichkeiten nutzen die USA massiv: Gegen China, gegen den Iran, beim Informationssammeln auch gegenüber Europa. Diese Möglichkeiten seien eine Waffe im Arsenal der USA, um Ziele durchzusetzen. Die Autoren sprechen deswegen von „weaponized interdependence“.  Das Ausspielen dieser Macht werde nicht unwidersprochen hingenommen. Immer wieder werden Projekte gestartet, Alternativen zu den US-dominierten Netzwerken zu schaffen. Die Autoren warnen, diese provozierte Konkurrenz könne eines Tages den Zusammenbruch von Netzwerken zur Folge haben. Eine Alternative wäre ein „Commonwealth“ in diesen Netzwerken, schreiben die Autoren. Und dieses wäre angesichts der Alternative eskalierender Konflikte in den Netzwerken auch attraktiv: „International superpower that it is, the United States might even support a vision of commonwealth rather than empire, in which it and other actors secure collective benefits rather than contending over narrow interests“ (S. 15).