Es ist ein interessantes und erstaunliches Phänomen, dass in den letzten Jahren, in denen das Thema „Umweltschutz“ vielfach von der öffentlichen (und veröffentlichten) Agenda verschwunden ist, eine Vielzahl von Büchern und Studien erschienen sind, die sich im weiteren Sinne mit der Frage „Welcher Umweltschutz für wen und warum?“ auseinander setzen. Stets geht es dabei – ob ausgesprochen oder nicht – um umweltethische Fragen und um die Frage, ob Umweltschutz aus philosophischer, ethischer oder moralischer Sicht überhaupt anders als zum menschlichen Nutzen begründbar ist.

Das vorliegende Buch fügt sich von der Thematik her in diese Reihe ein. Es ist aus einer Dissertation entstanden, und das ist auch merkbar – im Guten wie im Mühsamen. Es ist ein sehr genaues Buch, in dem (mindestens) alle Gedankengänge mit Fußnoten und Zitaten belegt und erläutert werden. Auf der anderen Seite wird man manchmal den Eindruck nicht los, dass einige Thesen und Ergebnisse von Gedankenketten bereits vorgegeben waren (vom „Doktorvater“?) und erst im nachhinein begründet werden mussten – keine Seltenheit bei Dissertationen.

Der Band gliedert sich in zwei Hauptteile, die „Philosophische Grundlegung“ und die „Anwendungsethischen Konkretisierungen“. Eine der Kernfragen (die sich sehr oft auch abseits wissenschaftlicher Untersuchungen im Umweltbereich aufdrängt) wird gleich zu Beginn gestellt: „Warum bewirken Problemstellungen der Ökologie sowie der ökologischen Ethik oft so eine Langeweile, hinterlassen so häufig einen faden Beigeschmack?“ (S. 11). Die Antwort wird ebenfalls sofort als These in den Raum gestellt, nämlich dass „hier eine zentrale Dimension ausgeblendet wird, indem Natur auf einen technisch verhandelbaren Gegenstand reduziert wird...“. Die „Naturästhetik“ wird als diese zentrale Dimension identifiziert, um diese Naturästhetik herum wird sozusagen der Argumentationsstrang des Buches gewickelt.

Das bearbeitete Themenfeld wird im ersten Teil mit den Eckpunkten „Umweltethik und Naturästhetik“, „Naturästhetik: Einwände und Vertiefungen“, „Das Proprium des Naturästhetischen“ sowie „Ethische Bewertung: Ästhetik, Anthropologie und Ethik“ abgesteckt. Vor allem im dritten Kapitel des ersten Teiles werden die philosophischen Hausgötter der Autorin, Kant, Adorno und Seel aufeinander losgelassen. Nach so vielen Positionen, die von verschiedenen Seiten beleuchtet wurden, aber ohne klare Schlussfolgerung, taucht der/die LeserIn etwas verwirrt aus diesem Kapitel auf, in der Hoffnung, sich im zweiten, konkreten Teil, zu erholen. Hier wird die (fehlende) Dimension des Naturästhetischen in den Debatten um „Umweltschutz und Artenvielfalt“, „Kulturlandschaft“ und „Naturästhetik, Freiheit und Sozialverträglichkeit“ ausgelotet   wobei von der Autorin drei Ebenen der Argumentation angekündigt und auch durchgehalten werden: die Ebene des unmittelbaren ästhetischen Abwehrsinnes, die Ebene der Haltungen und Einstellungen der Menschen gegenüber der Natur und schließlich die Ebene der strukturellen Klärungen – und mit manch überaus interessanten und durchaus pointierten („Diese Ästhetisierungen können mit ihrer zuweilen allergisierenden Wirkung der Sensibilisierung für Naturschutzbelange auch abträglich sein“, S. 152) Seitensprüngen angereichert. Interessant ist auch die Auseinandersetzung mit der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“, die vom Wuppertal-Institut im Auftrag von Misereor erstellt wurde. In die durchaus bedenkenswerten Argumente schleicht sich allerdings ein manchmal fast beleidigter Unterton ob der Nichtbeachtung der „zentralen Dimension“ („Der Gesichtspunkt der naturästhetischen Lebensqualität findet keine Erwähnung“, S. 163) ein.

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Alles in allem: dieses Buch ist eine interessante Ergänzung in der umweltethischen Diskussion, fokussiert auf den zweifellos wichtigen Aspekt der Naturästhetik. Als Einstieg in umweltethische Fragen ist es – nicht zuletzt aufgrund des Vorwissens das verlangt wird und aufgrund seiner doch einseitigen Ausrichtung der Argumentation - nur sehr bedingt geeignet. G. Sp.

Bei Amazon kaufenKemper, Anne: Unverfügbare Natur. Ästhetik, Anthropologie und Ethik des Umweltschutzes. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2000. 179 S. (Campus Forschung; 823) DM 48,- / sFr 40,50 / öS 321,-