Bitteres Lachen im grünen Bereich

Ausgabe: 2001 | 3

Den Lesern von Pro Zukunft als Mitarbeiter der „Scheidewege“ oder als Buchautor nicht unbekannt, hat Jürgen Dahl wie kaum ein anderer im deutschen Sprachraum den Blick auf Widersprüche, Anomalien und Widersinnigkeiten im „grünen“ Bereich geschärft. Die hier vorliegenden Texte sind alle bereits an anderer Stelle erschienen oder waren im Westdeutschen Rundfunk zu hören. Der Rezensent versucht deshalb, weniger Bekanntes bzw. bisher in Pro Zukunft nicht Notiertes herauszugreifen, um weitere Facetten der Dahl’schen Sichtweise bzw. Ironie bekannt zu machen.

Zu „bitterem“ Lachen gibt es jedenfalls genügend Anlass. Sei es etwa der Achtzehnzylinder „Bugatti 118“ auf dem Pariser Autosalon, den die Presse begeisternd kommentierte und nicht einmal andeutungsweise die Frage erörterte, „wozu und für wen es eigentlich einen Achtzehnzylinder geben müsse“. Dahl, der passionierte Gärtner, wundert sich ebenfalls, warum „nicht einmal die Regierungserklärung eines frischgebackenen Kanzlers (Gerhard Schröder) auch nur den Schatten einer Vorstellung  – von Vision gar nicht erst zu reden – davon (enthält), dass es mit der Vorherrschaft des Bescheuerten auf allen Lebensgebieten ein Ende haben sollte und ob man dieses Ende fatalistisch zu erwarten oder irgendwie in geordnete Bahnen zu lenken gedenkt“ (S. 10).

Wie an dieser Stelle immer wieder festgestellt, gibt es (zu) wenige Anzeichen für eine Wende oder gar ein Nachdenken darüber, was anders geschehen müsste. In Dahl’scher Diktion formuliert: „Verzicht“ oder „Aufhören“ sind nicht unsere Sache, stattdessen bleibt der Wahn der Machbarkeit, die Bereitschaft „zur Anbetung alles dessen, was riesengroß, blitzschnell und noch nie dagewesen ist“ aufrecht. Im Zentrum unserer Sichtweise, so beklagt Dahl, steht die ökonomische Leistungsfähigkeit, wie es auch aus der Regierungserklärung Schröder zu entnehmen ist. „Und da, so Dahl ironisch und bitterböse zugleich, die ökonomische Leistungsfähigkeit, wie wir tagtäglich aus der Zeitung lernen, am leichtesten durch die Abschaffung von Arbeitsplätzen zu erlangen ist, so braucht uns um die Zukunft so lange nicht bange zu sein, wie es noch Arbeitsplätze zum Abschaffen gibt.“ (S. 11)

Weiters beklagt der Autor verschiedenste „Optimismen in die Zukunft“ (Weitermachen wie bisher, einverständliche Mäßigung), wenn etwa „die jeweils nächste Sackgasse als Königsweg in die Zukunft angepriesen“ wird oder im „Optimismus des Scheiterns“ auf die Auspowerung der Erde in Erwartung gesetzt wird, dass sich die Maßlosigkeit selbst ad absurdum führt. Alle Formen des Optimismus drücken sich , so Dahl, „am Ende um das Eingeständnis, dass es gar nicht mehr um sanfte Änderungen gehen kann, sondern nur noch um einen dramatischen, in seinen Dimensionen heute kaum vorstellbaren Abbau alles dessen, was wir als Inbegriff zivilisierten Lebens zu sehen gewohnt sind“ (S. 71).

Soweit einige Kostproben aus der Feder des Autor, dem angesichts einer globalen Verwüstung, „die erst dort stecken bleiben wird, wo, wie wir aus dem Verkehrswesen gelernt haben, alle Beschleunigung schließlich stecken bleibt: im Stau“ nur ein verzweifeltes, bitteres Lachen bleibt. Oft wünscht man sich über dieses „bittere Lachen“ hinaus auch einmal Vorschläge für eine bessere Zukunft. Oder ist es wirklich schon zu spät? Hier lohnt der Rekurs auf Robert Jungk, dem auch das kleinste Pflänzchen Hoffnung noch Mut machte. A. A.

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