Der Autor behandelt Aspekte naturwissenschaftlicher Verantwortung in den Bereichen der Bioethik, der evolutionären sowie der epistemologischen Ethik. Innerhalb der Bioethik geht es in erster Linie um die Frage, weiche Eingriffe und Experimente die "Ehrfurcht vor dem Leben" und die Sorge um Mensch und Umwelt verbieten. In der Gentechnik erfordern diese Überlegungen und ihre Umsetzung in praktische Vorschriften ein hohes Maß an Kompromißfähigkeit und Abwägung. Mohr plädiert für das "Prinzip Verantwortung" - aber in einem anderen Sinn, als dies von H. Jonas verstanden wurde, denn für den Autor hat auch das Unterlassen Konsequenzen.

Aus Sicht der evolutionären Ethik argumentiert Mohr, "daß unsere Verhaltens- und Antriebsstruktur, auch unsere Neigung und Fähigkeit zur sozialen Organisation, zu einem guten" Teil genetisch determiniert ist und deshalb durch Erziehung und soziale Konditionierung nicht beliebig zu überspielen ist". In diesem Zusammenhang wird betont, daß die Zukunft des ,Menschen entscheidend davon abhängen wird, inwieweit es ihm gelingt, "die in der durch kulturelle Evolution geprägten Welt obsolet gewordenen biologischen Determinanten unseres Verhaltens durch Vernunft zu dämpfen oder auszuschalten". Die epistemologische Ethik schließlich hat das Ethos des Erkennens und damit des wissenschaftlichen Verhaltens zu ihrem Gegenstand. Mohr setzt auf qualitatives Wachstum als eine vertretbare Überlebensstrategie. "Die Ideologie des Verzichts würde uns in Armut und Zerfall steuern.

Umweltprobleme sind nur industriell zu lösen. Es gibt keinen ,Ausstieg aus der Industriegesellschaft' , aber es gibt eine realistische Alternative zur Fortschreibung expansiven Wachstums." Wie diese Alternativen aussehen könnten, bleibt dem Leser allerdings verborgen. Weiters wird den mit der Sache vertrauten Fachleuten empfohlen, "die Folgen der jeweiligen Gentechnik nüchtern und symmetrisch zu bedenken". "Es gehört zur Verantwortung des Wissenschaftlers, ,unbeirrt von äußeren Rücksichten' darauf hinzuwirken, daß in die Zukunft gerichtetes menschliches Wirtschaften vermeidbare Schäden verhindert." Mohr verlangt eine Rückkehr zu den Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Gleichzeitig glaubt er an die Vernunft des Menschen, "zu einer würdigen Führung seines Lebens fähig" zu sein.

Abgesehen von den kritikwürdigen Bemerkungen zu Fortschritt und der industriellen Lösung von Umweltproblemen wird bezweifelt, ob die von Mohr vorgeschlagenen Maßnahmen zur Kontrolle der Gentechnologie ausreichend bzw. sinnvoll sind. In diesem Zusammenhang scheint wohl Beschwichtigung eine Kardinaltugend wissenschaftspublizistischer Praxis zu sein. Corea Gena nannte es die "Weichmacherphase", den schleichenden Prozeß der Gewöhnung an Anwendungen und Weiterentwicklung der Reproduktionstechniken. Kritiker der Biotechnologie und Diskussionen darüber verhindern angeblich einen wirtschaftlichen Einsatz (It. VDI-Nachrichten v. 17. 6. 88, Nr.24). Längst vergessen ist das weltweite selbstauferlegte Moratorium der Geningenieure. Die Behauptung, daß kein Risiko da wäre, begleitete die Einführung von Contergan, Atomenergie, Asbest und DDT - um uns Jahre später die Risiken vor Augen zu führen. Organisiertes Vorgehen ist geboten, sonst kriegen wir wieder einmal nur die Finger anstatt des Fußes in die Tür des technologischen Fortschritts.

Mohr, Hans: Natur und Moral. Ethik in der Biologie. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 1988. 191 S. (Dimensionen der modernen Biologie; Bd4) , DM 39,- / sfr 33,- / öS 304,20