Welchen Beitrag können gutdotierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler zur Analyse und Problembewältigung von “Ungerechtigkeiten der Arbeitslosigkeit" leisten? Die detaillierten Erkenntnisse einer Konferenz an der Berliner Humboldt-Universität - über die (Ost-West)Spannungen in Deutschland und mit Exkursen zu Österreich und der Schweiz sind mehr wegen ihrer Wortwahl als durch ihre konventionellen, neoliberalen Bewältigungskonzepte interessant.

Wenn z. B. der "zweite Arbeitsmarkt" weniger als Chance zum Erproben neuer Arbeits- und Überlebensmodelle, sondern als Warteraum zum (Wieder-)Einstieg in den traditionellen Vollerwerb gesehen wird, rückt "soziale Gerechtigkeit" in weite Ferne. Denn diesem Wunschtraum einer relativen Vollbeschäftigung stehen allein in der EU zig Millionen registrierte bzw. inoffizielle Arbeitslose entgegen. Viele von ihnen können auch durch neue (Teilzeit-)Jobs (Beispiele: Tele-Heimarbeit) nicht aus ihrem Abstieg in die "neue Armut" gerettet werden.

Leo Montada, "Gerechtigkeitsforscher" an der Universität Trier, kritisiert staatliche Zwänge - wie eine Kürzung des Arbeitslosengeldes und niedrigere Löhne, den Abbau sozialer Standards, Zwänge zur Annahme jeder Art von Arbeit - zwar sachte, hinterfragt sie aber nicht hinreichend nach ihren asozialen Konsequenzen. Und Gerhard Bäcker, Diplomvolkswirt beim Deutschen Gewerkschaftsbund, flüchtet sich in Vokabeln wie "Arbeitskraftnutzung", “Humankapitalverluste ", "altersbedingte Innovationsstaus", “Frühverrentung" usw., um die Entsolidarisierung zwischen (noch) Arbeitsplatzbesitzern und massenhaft “freigesetzten" zu kaschieren.

M. Rei.

Arbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit. Hrsg. v. Leo Montada. ADIA-Stiftung zur Erforschung neuer Wege für Arbeit und soziales Leben, Schriftenreihe Bd. 2. Frankfurt/M. (u. a.); Campus, 1994. 346 S. DM 68,- / sFr 69,- / ÖS 531