Josh Berson

The Meat Question

Ausgabe: 2020 | 2

In The Meat Question stellt der Anthropologe Josh Berson die Frage des Menschwerdens und Menschseins im Licht von Fleischkonsum. Das Buch beginnt mit einer detaillierten Darstellung der menschlichen Evolution und fokussiert auf die Frage, ob Fleisch uns zu den Menschen gemacht hat, die wir heute sind. Freilich bedeutete der Konsum von Fleisch eine verbesserte Energiebilanz für die frühen Menschen – gleichzeitig können bisherige Funde nicht belegen, dass Fleisch für die Entwicklung der Menschen essentiell gewesen wäre, eher ein Bonus: „The best we can say is that […] meat started to play a more prominent recurring role in protohuman diet, but by no means a dominant role.“ (S. 43) In Folge beschäftigt sich Berson mit der Frage, ob Wohlstand automatisch Fleischkonsum bedeutet. Am Beispiel der Kolonialisierungsgeschichte der USA und Australiens und vor allem der Ausbeutung der Aborigines auf australischen Rinderfarmen wird nachgezeichnet, dass die Einführung von Fleisch als Massenprodukt mit Unterdrückung bzw. sogar Sklaverei einherging und mitnichten mit einer Vermehrung des globalen Wohlstands in Beziehung gebracht werden kann.

Mit Blick auf die Gegenwart unterstreicht der Autor, dass Fleisch ein integraler Bestandteil globaler Handelsströme geworden ist. Lebend-Tier-Transporte via Schiff und Flugzeug unterstreichen den Warencharakter von Tieren. Ganz unten in der Wertschöpfungskette stehen die eigentlichen Produzentinnen. Zusätzlicher Wert, den vor allem Konzerne für sich beanspruchen,  wird dem Produkt „Fleisch“ dann im Schlachthaus, der Verarbeitungs­­fabrik und im Marketing verpasst.

Josh Bersons Buch besticht durch seine innovative Herangehensweise an die Rolle von Fleisch einst und heute und die problematischen Implikationen. Gleichzeitig zeigt der Autor eine verengte Perspektive, etwa wenn er die Auslagerung von Kosten an die Allgemeinheit oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse beklagt: Nicht Fleisch, sondern politische und wirtschaftliche Machtsysteme sind die Gründe dafür, wie das Schicksal der Baumwoll- oder Zuckerrohrsklaven oder die heutige Ausbeutung von Migrantinnen in Europas Gemüseindustrie zeigen.