
„Medium Hot. Bilder in Zeiten der Hitze“: Ein Titel, der Aufmerksamkeit generiert, der ausstrahlt, wie die Autorin selbst. Filmemacherin, Künstlerin, Autorin und kritische Stimme der Gegenwart: Hito Steyerl bezieht Position und nutzt das essayistische Schreiben nicht nur für ihre Hauptaktivität, das Filmemachen, sondern nun auch für ihre kritische Forschung zu KI: Die Essaysammlung dokumentiert in mehreren zeitlichen Episoden das rasante Übergreifen von KI auf alle möglichen kreativen Berufe, einschließlich Hito Steyerls eigenem – dem Filmemachen (S. 18). Die Texte sind nicht akademisch, nicht wissenschaftlich, es sind vielmehr, so die Autorin, Reportagen auf Basis der eigenen Erfahrung von Praktiken des Bildermachens im Zeitraum zwischen 2017 und 2024, als die sogenannte GenAI auf den Plan trat. Längst, so Steyerl, leben wir in einem Zeitalter der „performativen Statistik“ (S. 7), das neue Weltmodelle kreiert und Realitäten in Gefahr bringt. Besonders deutlich zeigt sich dies am Begriff der Arbeit, dessen Wesen sich grundlegend gewandelt hat. Er entwickelte sich von rein materieller zu kognitiver Arbeit, wobei Kreativität und Flexibilität in den letzten Jahrzehnten zum zentralen Motor wurden. Arbeit wurde so zunehmend zu einer performativen Tätigkeit – nun wird auch diese automatisiert. Wenn Bild- und Sprachgenerierungstools Übersetzungen, Bildbearbeitung und Content-Erstellung übernehmen, stellt sich die Frage: Was bleibt dann noch von unserer Arbeit übrig? „In einem Prozess, in dem bloße Automatisierung durch zunehmende Autonomisierung verdrängt wird“, so Steyerl, „übernehmen Maschinen nicht nur die Performance, also die Arbeitsleistung, sondern auch – und wichtiger noch – den Part des Geldverdienens“ (S. 13). Denn KI bedarf massiver Infrastruktur, die ihre je eigene politische Ökonomie mit sich bringt, die auf Datengewinnungsmonopolen beruht und gewaltige Energiemengen und Ressourcen verschlingen (vgl. S. 8). Die Kriegsschauplätze der Gegenwart, wie Gaza oder die Ukraine, werden zu Testlabors für die KI-Kriegsführung, vor allem für westliche Waffenproduzenten, die stets auf der Suche nach einem robusten und unregulierten Umfeld für ihre Forschung und Entwicklung sind (vgl. S. 11). Der Krieg liefert ein ideales Szenario, um die Entwicklung „neuer“ Weltmodelle voranzutreiben und KI-Arbeitskräfte auszubeuten. Auch die Kunst wird in diesem Sinne ausgebeutet. Sie dient als Marketingstrategie – als Vorwand der Demokratisierung – um abzulenken von der Tatsache, dass sie militärisch verwickelt ist, vielen sofortige Arbeitslosigkeit bringt und Ressourcen verschlingt, Auswirkungen auf die Energieversorgung, die Inflation und damit zusammenhängend soziale Instabilität hat und Boden für den sich davon nährenden Faschismus liefert (vgl. S. 17). „Gibt es irgendeinen allgemeinen Nutzen“, so Steyerl, „der einen derart massiven Ausbau ressourcenverschlingender KI-Infrastruktur rechtfertigt“ (S. 15)? Und wo bleibt dann, wie Hannah Arendt es formulierte, der „Welt-Sinn“, der aus einem allgemeinen sensus communis oder Gemeinsinn entsteht (vgl. S. 22)? Kommt es irgendwann so weit, dass „die Geschichtsschreibung selbst durch Machine-Learning-Technologien umdefiniert und zu etwas völlig anderem wird“ (S. 23)? Und was dann? Ein brandaktuelles Zeugnis der dringendsten Fragen unserer Zeit – in einem doch eher akademisierten Jargon einer Künstler-Forscherin geschrieben.








