An manchen Orten, in bestimmten Landschaften fühlen Menschen sich "lebendig und menschlich"; Räume, Straßen, Stadtteile und andere öffentliche Plätze sind auf irgendeine Weise eindeutig mit freudigen Erfahrungen verbunden oder lösen eben im gegenteiligen Fall Unbehagen, Furcht oder Orientierungslosigkeit aus. So haben Untersuchungen in den USA ergeben, dass Menschen eine Vorliebe für gewundene Wege haben, strahlen diese doch das Signal "Geheimnis" aus; andere Studien haben gezeigt, dass die positive Einschätzung eines öffentlichen Platzes mit der Balance zwischen dessen" Lesbarkeit", sprich Struktur, und dessen Angebot an "Versteck", sprich Möglichkeit des Rückzugs, zu tun hat. Ob ein Ort Lieblingsort, Heimat wird oder fremd bleibt, hängt von vielen kleinen Bildern, Wahrnehmungssequenzen ab: hier ist es eine Plakatwand, die den Horizont versperrt, dort der zu hoch angelegte Gehsteig, der ausdrückt "Betreten verboten". Veränderungen der Orte um uns bringen auch Veränderungen in uns mit sich, daher sind Ortsveränderungen bei weitem nicht bloß ein ökologisches, sondern vielmehr auch ein persönliches Thema. Diesem stellen sich Orts-Forscher wie Mediziner, Psychologen, Ökologen, Denkmalschützer und Filmemacher: Sie bemühen sich, den Menschen die Erfahrungen von Orten zu bewahren, wiederherzustellen und zu erweitern. Ihre erklärte Absicht ist es, dem Verblassen und Verfärben von Orten Einhalt zu gebieten, die inneren Landkarten der Stadtbewohner zu erforschen und mit differenzierten Studien den Verantwortlichen darzulegen. Die Auseinandersetzung mit zahlreichen Untersuchungen gipfelt in der Kardinalfrage: Wie kann eine Kulturlandschaft "grüner" und für ihre Bewohner angenehmer werden, wenn zudem Wohnraum und Arbeitsplätze in eben diesem Gebiet geschaffen werden müssen. Die Antwort ist eine Ansammlung von Mosaiksteinchen, die Tony Hiss zu einem weitläufigen "Rundgemälde" menschengerechter Stadtplanung zusammengesetzt hat. C. F.-R.

Hiss, Tony: Ortsbesichtigung. Wie Räume den Menschen prägen, und warum wir unsere Stadt- und Landschaftsplanung verändern müssen. Hamburg: Kabel, 1992. 259 S., DM 29,80 / sFr 25,80 / öS 232,40