Heinrich-Böll-Stiftung e.V.

Öffentlicher Raum!

Ausgabe: 2020 | 3

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen Sammelband zum Thema öffentlicher Raum herausgegeben. 16 Beiträge beschäftigen sich in Einzelheit mit der Materie. 

Um öffentlichen Raum zu schaffen, braucht es Infrastrukturpolitik, so Peter Siller in der Einleitung zum Band. Diese soll vier Kriterien erfüllen: Qualität für alle, öffentliche Zugänglichkeit, öffentliche Begegnung sowie Organisation durch Partizipation – Kriterien, die vor allem neoliberale Politiken seit den 90er-Jahren zunehmend aushöhlten. Laut Siller umfassen zentrale öffentliche Räume zum Beispiel Bildungsräume, (digitale) Medienräume, Kunst, Sport und urbane bzw. ländliche Räume. Öffentlicher Raum generiert jedoch nicht nur Chancen, sondern auch „Zumutungen“: „Die Begegnung im öffentlichen Raum führt notwendigerweise auch zu Auseinandersetzungen und Konflikten. Doch es ist gerade die Auseinandersetzung der Unterschiedlichen in einem gemeinsamen, zivilisierten Raum, von der das Gelingen von Demokratie und sozialem Zusammenleben abhängt. Gesellschaftliche, demokratische und soziale Integration ist ohne streitbare Begegnung nicht zu haben.“ (S. 77) Es brauche neuartige Erzählungen, um den öffentlichen Raum und damit die Demokratie zu stärken – vor allem gegen die Zunahme rechtsautoritärer Tendenzen: „Infrastrukturpolitik alleine wird die rechtsautoritäre Gefahr nicht beheben, aber sie wird zur Problemlösung beitragen, indem sie für Menschen neue Zugänge eröffnet und indem sie jene gesellschaftliche Öffentlichkeit befördert, die die Blasen aus Selbstbefassung und Wut zum Platzen bringen.“ (S. 91)

Politik und sinnvolle Stadtplanung

Es folgen verschiedene Perspektiven auf die Thematik. Arnold Bartetzky etwa beschäftigt sich mit der Gestaltung von öffentlichen Räumen in der Stadtplanung und sieht hier die Politik gefordert. Vor allem in der Nachkriegszeit hat man es verabsäumt, urbane Räume so zu gestalten, dass diese Aufenthalt und Begegnung ermöglichen – und auch wenn mittlerweile ein Umdenken stattgefunden hat, wird öffentlicher Raum nach wie vor häufig in der Stadtplanung vernachlässigt. Ein besonderes Problem ist die „autogerechte Stadt“ und die Funktionalisierung von Stadtteilen: „Es entstanden öde, monofunktionale Zonen wie Schlafstädte ohne jedes Straßenleben oder dem Handel und der Büroarbeit vorbehaltene Stadtzentren, die abends ausgestorben sind. Als Zuspitzung der Funktionstrennung kamen noch die suburbanen Großeinkaufszentren auf der ‚grünen Wiese‘ hinzu, die vor allem in Ostdeutschland nach 1990 weite Teile des städtischen Umlands verunstalteten“ (S. 154). Gute Stadtgestaltung, die angenehme öffentliche Räume entstehen lässt, setzt auf Nutzungsmischung, die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs, kleinteilige Strukturen, die Vielfalt zulassen, und Unterstützung bzw. Einbindung der Bevölkerung bei der Gestaltung von Stadtvierteln. 

Schule, Kunst und Sport als Teil des öffentlichen Raums

Eine besondere Herausforderung ist die Gestaltung von Schule als Teil des öffentlichen Raums. Hannelore Trageser fordert in ihrem Beitrag, dass Schule den öffentlichen Raum mitprägt. Gleich zu Beginn verweist sie auf ein Paradoxon: Gerade in Vierteln, wo Ressourcen besonders knapp sind, müssen Schulen weit umfassendere Aufgaben übernehmen als in sozial stabilen Gegenden. Trageser hofft auf „urbane Resilienz“, durch die Schulen mit mehr Flexibilität, Innovation und einer Öffnung hin zum Sozialraum entstehen. Etwa wenn man mit Vereinen und öffentlichen Einrichtungen kooperiert, wenn die Schule selbst für außerschulische Aktivitäten geöffnet wird. Somit soll den „sozialen Segregationsprozessen“, welche „ganze Stadt- und regionale Quartiere betreffen“, entgegengewirkt werden (S. 269). Ähnliches gilt für die politische Erwachsenenbildung, so Helmut Bremer: Politische Erwachsenenbildung hat vor allem bei Menschen aus benachteiligten Milieus Schwierigkeiten, Fuß zu fassen – daher plädiert der Autor für „aufsuchende Bildungsarbeit“ jenseits klassischer Kursangebote, die auch in schwierige Viertel geht, sich auf die Heterogenität des Publikums einlässt und entsprechend niederschwellig angelegt ist.

Schließlich spielen Kunst im öffentlichen Raum, aber auch Sport eine wesentliche Rolle in der Gestaltung von Öffentlichkeit: Das Beispiel Fußball tritt hier besonders deutlich als „öffentlichkeitsstiftend“ in den Vordergrund, meint Ronny Blaschke. Vor allem der Breitenfußball, der stark auf das Ehrenamt baut, kann Öffentlichkeit aktiv mitgestalten – etwa, wenn  Inklusion auf bewusste Weise gefördert und gelebt wird. Ähnliches gilt für die Kunst, die vor allem Debatten anregen soll.

Ein spannender Sammelband, dem leider ein Fazit fehlt, welches die zahlreichen Gedankenstränge noch einmal zusammenführt.