Der Computerwissenschaftler, Erfinder und Bestsellerautor Ray Kurzweil läßt uns einen Blick auf die nächsten Jahrzehnte werfen: Im Jahr 2009 kann ein PC rund eine Billion Rechenoperationen pro Sekunde ausführen, bereits 2019 werden handelsübliche Pcs den Menschen in allen Belangen der Datenerfassung überflügeln. 2020 werden Computer die Speicherkapazität und Rechengeschwindigkeit des menschlichen Gehirns erreichen. Um das Jahr 2030 wird das menschliche Gehirn „gescannt” und im Computer dupliziert. Gegen Ende des 21. Jahrhunderts erwartet der Autor schließlich die Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Man sollte diese Aussagen keineswegs vorschnell als Science-fiction abtun, denn der Autor hat mit einigen Erfindungen (Flachbettscanner, Spracherkennungssysteme) die digitale Gegenwart mitgeprägt und seine Analyse basiert auf Grundlage mehrfach abgesicherter Forschungsergebnisse. Vor allem beschäftigt ihn die Frage, ob der Mensch vor Ablauf des nächsten Jahrhunderts seine Stellung als „das intelligenteste und das leistungsfähigste Wesen auf Erden” verlieren wird. Zum Verständnis der dramatischen Veränderungen der nächsten Jahre beginnt Kurzweil bei den Errungenschaften der Gegenwart, blickt aber auch zurück auf die Geschehnisse der Evolution, um mögliche Anhaltspunkte zu finden.

Zunächst beleuchtet der Autor den Prozeß des technischen Fortschritts, der nach dem Gesetz des steigenden Ertragszuwachses die Entwicklung zu immer leistungsfähigeren Maschinen weiter beschleunigen wird. Die Rechenleistung unserer Computer ist in den letzten zwanzig Jahren exponentiell gewachsen und verdoppelt sich inzwischen jedes Jahr.

Sterblichkeit, heute noch an die Lebensdauer unserer „Hardware” gebunden, wird - so Kurzweil -  im 21. Jahrhundert abgeschafft oder zumindest neu zu definieren sein. Wir werden Software sein und unsere Existenz wird nicht mehr von der Lebensdauer unserer datenverarbeitenden Schaltungen abhängen, meint Kurzweil. Gleichzeitig werden wir mittels Nanotechnologie unsere Zellen neu erfinden. Körper und Gehirn werden also zusammen aufgerüstet.

Die Frage, ob die maschinelle Intelligenz der menschlichen in all ihrer Vielfalt gleichzusetzen sei, wird allerdings noch lange kontroversiell diskutiert. Angesichts der atemberaubenden Entwicklung verwundert es nicht, wenn ab und an des Autors Angst davor durchklingt, daß wir die Macht über die Zukunft unserer Technologie verlieren könnten. Insofern ist sein Buch als wichtiger Beitrag zur bewußten Zukunftsgestaltung zu sehen, solange wir das noch können. Im umfangreichen Anhang (mit der Anleitung, wie man eine intelligente Maschine baut), einem Register und einem erweiterten Inhaltsverzeichnis findet sich auch eine Zeittafel, beginnend vor 10 bis 15 Milliarden Jahren - endend in ein paar Jahrtausenden ... A. A.

Kurzweil, Ray: Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen? Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1999. 509 S., DM 49,80 / sFr 46,- / öS 364,-