
Jannis Brühl leitet das Digital- und Finanzteam der Süddeutschen Zeitung und gilt als einer der führenden Digitaljournalisten Deutschlands. In seinem Buch „Disruption“ beschreibt er in vielen Details die „Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen“ – so der Untertitel des Bandes. In 21 Kapiteln werden die Denkweisen der Startup-Milliardäre aus dem Silicon Valley offengelegt; deutlich wird dabei, dass Ideologie immer mit Geschäftsinteressen gepaart ist. Das erklärt auch, dass manche der Tech-Eliten wie Elon Musk oder Open AI-Gründer Sam Altman ursprünglich die Demokratische Partei unter Obama und auch noch Biden unterstützt und von dort auch Aufträge bekommen hatten. Noch 2024 habe sich das Silicon Valley mehrheitlich gegen Trump ausgesprochen, so Brühl (S. 88). Mit den Auflagen der Demokraten für die Datenkonzerne sowie die sich entwickelnde KI hätte sich der Wind jedoch gedreht – eine Mehrheit sei ins Trump-Lager übergelaufen und habe dieses mit Spenden großzügig unterstützt. Auch ideologische Gründe wie die Vorgaben zu Diversität in Unternehmen sowie die liberale Familien- und Einwanderungspolitik der Demokraten hätten zum Umschwung beigetragen.
Eingefädelt u. a. von J. D. Vance haben sich viele der Daten-Milliardäre auf die Seite Trumps geschlagen, darunter auch Zuckerberg oder Andressen – mit Erfolg. Als eine der ersten Maßnahmen in seiner zweiten Amtszeit setzte Trump zahlreiche Regulierungen für die Daten-Konzerne sowie die KI-Entwickler außer Kraft; und auch alle Diversitätsvorgaben. Ausgezahlt hat sich der Schwenk auch finanziell – mit lukrativen Aufträgen etwa für die US-Armee, die Einwanderungsbehörde ICE oder die Raumfahrtbehörde NASA gibt es nun neue Milliardengeschäfte, wie Brühl in einem der Kapitel darlegt.
Rechte Ideologie mit Geschäft verbinden
Brühl beschreibt ausführlich die von sozialdarwinistischem Elitedenken geprägten Ideologien der jungen Tech-Eliten – vom libertären Wirtschaftsverständnis über den KI-gestützten Tech-Staat bis hin zu einem reaktionären, rassistischen und macho-getriebenen Bild von Gesellschaft und Familie. Als Zauberwort gilt dabei „Disruption“, der Bruch mit unternehmerischen Traditionen sowie der Aufbau von etwas ganz Neuem – und damit reich werden. Gefordert wird daher auch ein disruptiver Staat, der mit behäbigen Verwaltungsstrukturen aufräumt. Mit Begriffen wie Akzelerationismus (radikaler und beschleunigter Umbau der Gesellschaft durch Technologien und einen ungebremsten Kapitalismus), Natalismus (Viel-Kinder-Ehe unter Weißen) oder Posthumanismus (Verbesserung des Menschen durch KI) wird ein futuristisches Programm vertreten, das interessanterweise Technik-Euphorie mit rückwärtsgewandten Gesellschaftsbildern verbindet. Dies beschreibt Brühl auch als die zwei Stämme der neuen rechten Bewegungen in den USA, die durchaus Unterschiede aufweisen würden, aber ein Bündnis eingegangen seien: die konservative MAGA-Bewegung mit Vance als Galionsfigur sowie die neuen Tech-Eliten des Silicon Valley – unter ihnen auch rechte Ideologen wie Peter Thiel, der u. a. die Dekadenz und den Hedonismus der US-Gesellschaft beklagt. Steve Bannon etwa ist strikter Gegner der neuen Allianz.
„Geld und Politik waren durch die enormen Wahlkampfspenden, die in den USA möglich sind, schon lange verwoben, das galt für Republikaner wie für Demokraten“, so Brühl. „Dass aber eine elitäre Gruppe mit Obsessionen, die über den eigenen Geldbeutel hinausgehen, so nah am Weißen Haus mit der Weltmacht experimentieren darf“, sei ohne Vorbild (S. 24). Musks Engagement im DOGE-Projekt, das die Staatsstrukturen radikal abbauen sollte, zählt ebenso dazu wie die Kooperationen im Bereich der Verfolgung von Migrant:innen durch SEC. Der Autor zieht nicht von ungefähr Parallelen zu den Futuristen der 1930er-Jahre, einer italienischen Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschisten inspiriert hat. Die Ideologie der Tech-Oligarchen sei daher keine konservative, die bewahren will; „sie ist ein neuer rechter Futurismus“ (S. 27).
Was kann dagegen getan werden?
Brühl wendet sich gegen wirtschaftliche Abkopplung, vielmehr gehe es darum, auch die USA von europäischen Unternehmen abhängig zu machen. Talente in Informatik und Ingenieurwissenschaften sollten in Europa gehalten, die Abhängigkeit von Verwaltungen und Unternehmen von US-Software soll verringert werden. Mit der Androhung von Gegenzöllen könnte Trumps erratische Handelspolitik beschränkt, mit der Erneuerung der Staatsstrukturen den Ideologien der Tech-Vereinfacher Wind aus den Segeln genommen werden. Nicht zuletzt gehe es darum, die Zukunftsversprechen der Oligarchen zu entzaubern: „Sie sind immer auch Verkaufsgespräche mit Kunden und Investoren.“ (S. 232) Brühls lesenswertes Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu.






