
Was haben Singapur, das Genfer Freihandelslager und Guantánamo Bay gemeinsam? Sie liegen zwar auf dem Territorium souveräner Staaten – und doch operieren sie außerhalb: außerhalb rechtlicher Klarheit, politischer Kontrolle, demokratischer Öffentlichkeit. Orte, die zwar auf der Landkarte zu finden sind, aber rechtlich und symbolisch in einem „Niemandsland“ verankert. Atossa Araxia Abrahamian nimmt uns in ihrem Buch „Schmutzige Geschäfte im Niemandsland“ mit in eben diese Zwischenräume. Was zunächst wie eine Reise durch Zollgrenzen, Offshore-Zonen und juristische Graubereiche beginnt, entpuppt sich als ideologiekritische Anatomie einer Weltordnung, in der Kapital seine größten Freiheiten dort findet, wo Regeln zur Ware werden.
Abrahamian schreibt mit der Schärfe einer Insiderin. Sie kennt die rhetorischen Verpackungen – humanitäre Narrative, technokratische Innovationsversprechen – und entlarvt sie als strategische Fassaden. Doch ihre Analyse ist keine bloße Denunziation von außen: Sie ist mit diesen Orten und Logiken aufgewachsen, spricht ihre Sprache – und kennt ihre Verlockungen. Gerade deshalb gelingt ihr eine so präzise wie schonungslose Beschreibung der Dynamiken, die uns oft zu vertraut sind, um sie noch zu hinterfragen.
Denn wer heute Macht ausübt, tut dies nicht trotz, sondern durch das systematische Entziehen von Verantwortung. Gesetzgebung, das zeigt sie, ist vielerorts keine Frage öffentlicher Aushandlung mehr, sondern wird zum „Standortvorteil“ – verhandelbar, exportierbar, maßgeschneidert. „Das Niemandsland ist eine gewinnsüchtige Weltordnung, in der die Befugnis, Gesetze zu machen und zu gestalten, gekauft, verkauft, gehackt, neu gestaltet, ent-territorialisiert, re-territorialisiert, transplantiert und neu gedacht wird“ (S. 13). Diese Dynamik durchzieht alle Erscheinungsformen: vom Genfer Zollfreilager, in dem Kunstwerke verschwinden, über Freihäfen in Dubai mit importierter Gerichtsbarkeit, bis hin zu Flags of Convenience, unter denen ganze Flotten steuerlich, ökologisch und menschenrechtlich entgrenzt operieren. Kapital ist auf Wanderschaft – stets auf der Suche nach „maßgeschneidertem“ Recht, nach Zonen, in denen es wachsen kann, ohne Rückbindung an Gemeinwohl oder Kontrolle.
Dass all dies kein Geheimnis ist, sondern längst durch Leaks dokumentiert – von den Panama Papers bis zu den Swiss Leaks – macht die Diagnose umso bitterer. Denn wenn Wissen keine Veränderung bringt, bleibt nur die Frage: Ist Transparenz ohne Konsequenz nicht längst Teil der systemerhaltenden Fassade?
Abrahamian beschreibt diese Zustände nicht als Ausnahme, sondern als neue Normalität. Offshore-Zonen, ursprünglich gedacht als temporäre Sonderräume, haben sich als derart nützlich erwiesen, dass sie zum Systemstandard wurden. Es ist eine Welt als Geisterwirtschaft – eine Sphäre, in der Raum, Zeit und Recht willkürlich neu sortiert werden können. Und in der nicht nur Schiffe, sondern auch Menschen wie logistische Objekte verschoben werden, um Verantwortung und Recht zu umgehen. Dabei wäre es an uns, diese Spielregeln zu hinterfragen. Denn was hier als unumstößlich gilt, ist das Produkt von Entscheidungen – und könnte auch anders sein. Diese Logik endet nicht an den Küsten, sondern reicht bis in den Orbit. Abrahamian beschreibt, wie Staaten und Firmen den Weltraum als ultimative Offshore-Location entdecken – „eine Arena, in der sich Macht ausüben und Geld scheffeln lässt“ (S. 256), flankiert von den gewohnten humanitären Narrativen wie Internet für alle oder Kolonien auf dem Mars. Doch das Muster ist bekannt: Entgrenzung, Besitznahme, Vermarktung. Nur die Kulisse hat sich verändert.
Und dann ist da Spitzbergen. Einst das letzte reale Niemandsland – unbesiedelt, unkontrolliert, nicht einmal aufgeteilt. Heute ein Sonderfall im Völkerrecht. Und doch auch ein Möglichkeitsraum. Abrahamian nennt ihn „einen Freihafen für Menschen“ – nicht für Güter, nicht für Investoren. Hier gibt es keine Bürger:innen, sondern nur Gäste. Und vielleicht ist das die schönste Zumutung dieses Buchs: zu erkennen, dass wir in den „Rissen des Systems der Nationalstaaten vielleicht mehr Platz finden, als wir es für möglich halten“ (S. 324). Am Ende bleibt ein Satz, der weit mehr ist als ein poetisches Bild. Er ist Einladung, Infragestellung, Ermutigung: „So weit im Norden ist es einfach, sich daran zu erinnern, dass wir alle nur Gäste sind“ (S. 341). Inmitten eines Buchs über Verlust, Entgrenzung und Unrecht steht er wie eine Öffnung – nicht hinaus ins Nichts, sondern hinein in das, was wir vielleicht noch nicht wieder denken können.
Abrahamian gelingt damit etwas Seltenes: Sie verbindet analytische Schärfe mit erzählerischer Eleganz, kritische Distanz mit tiefem Insiderwissen. Ihr Stil ist zugänglich, nie trocken, oft mit einem Hauch Ironie durchzogen – aber immer durchdrungen von intellektueller Dringlichkeit. Vielleicht liegt darin die größte Stärke dieses Buchs: Es beschreibt die Architektur des globalen Kapitalismus nicht nur von außen, sondern aus einer doppelten Perspektive – mit der scharfen Feder der Aufklärerin und dem Staunen derjenigen, die weiß, wie verführerisch dieses System sein kann.








