Nikolaus Dimmel, Karin Heitzmann, Martin Schenk, Christine Stelzer-Orthofer (Hg.)

Armut in der Krisengesellschaft

Ausgabe: 2026 | 1
Armut in der Krisengesellschaft

Der von Nikolaus Dimmel, Karin Heitzmann, Martin Schenk und Christine Stelzer-Orthofer herausgegebene Sammelband „Armut in der Krisengesellschaft“ hat viele hochkarätige Autor:innen zusammengebracht, um über Armutsbetroffenheit in Krisenzeiten aus ihren jeweiligen fachlichen Perspektiven zu reflektieren. Dabei gliedert sich das Buch in drei Teile: „Krisen, Katastrophen und Transformation“, „Armutsberichterstattung und Armutsdiskurse“ und abschließend das Thema der Armutsbekämpfung. Inhaltlich deckt der Sammelband eine Vielzahl von Themen ab, beginnend bei der Klimakrise, zu welcher Armutsbetroffene am wenigsten beitragen aber am stärksten unter ihr leiden, über die Krise der Demokratie, welche, so die These, im systematischen Ausschluss großer Gruppen von Armutsgefährdeten von demokratischen Prozessen gipfelt bis hin zu der Frage, ob die traditionelle Armutsberichterstattung überhaupt noch die Armutspopulation ausreichend erfasst.  Im Bereich der Armutsbekämpfung geht es unter anderem um die Themen leistbares Wohnen, Sach- oder Geldleistungen sowie Kinderarmut.

Auf Basis statistischer Beobachtungen und Prognosen untersuchen die Autor:innen, ob und wie die Teuerungskrise ab 2021 die Armutsbetroffenheit in Österreich beeinflusst hat. „Die Zahl der Haushalte, deren Ausgaben die Einnahmen übersteigen, ist also vor allem unter den Erwerbstätigen gestiegen. Dass Erwerbsarbeit vor Armut schützt, erweist sich damit für einen wachsenden Teil der Erwerbstätigen als leeres Versprechen“ (S. 73). Wenngleich die unterschiedlichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen auch für die untere Mittelschicht im ausreichenden Maße die Folgen der Inflation abgeschwächt haben sollten, zeigt die Praxis der Schuldenberatung, dass die Hilfen oftmals nicht ausreichend waren. Diese Diskrepanz zwischen rein rechnerischen Lösungen und dem Alltag der Betroffenen legt nahe, dass statistische Durchschnittskennzahlen nicht in der Lage sind, „Notlagen innerhalb von Einkommensgruppen auch sichtbar zu machen“ (S. 74). Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass die betroffenen Gruppen bereits vor der Teuerungskrise finanzielle Schwierigkeiten hatten, die Ausgleichszahlungen allein konnten diese Gruppe also kaum aus prekären Situationen heraushelfen. In ihrem Beitrag unterscheiden die Autor:innen auch Maßnahmen, die tatsächlich helfen, etwa die Wertanpassung der Sozialleistungen, sowie jene Leistungen, die noch verbessert werden könnten, etwa der Klimabonus, welcher um den sozialen Aspekt der Heizkosten erweitert werden sollte. Denn Heizkosten gehören neben den Mietkosten zu jenen Bereichen, in welchen Betroffene kaum Optionen haben, durch Verhaltensänderungen weiter einzusparen, da dies bereits vor den Teuerungskrisen der Fall war. Die letzte Kategorie sind Maßnahmen, die helfen würden, aber fehlen: Neben einer Valorisierung in der Arbeitslosenversicherung und einer Reform der Sozialhilfe wird auch eine Entkopplung der Mietkosten vom Verbraucherpreisindex gefordert. Aber hat sich nun krisenbedingt die Anzahl der Armutsbetroffenen und deren Armutslagen verändert? Die Autor:innen beantworten diese Frage mit einem Ja: „Die Teuerung hat den prekären Wohlstand der unteren Mitte ins Rutschen gebracht. Zudem zeigt sich eine weitere Prekarisierung der Lebenslagen von besonders vulnerablen Gruppen“ (S. 87).

Grundsätzlich sind die Sozialleistungen im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau, der „österreichische Sozialstaat gehört heute zu den besten der Welt. Dennoch weist er erhebliche Defizite auf“ (S. 181), schreiben Markus Marterbauer und Jana Schultheiss im 2024 herausgegebenen Sammelband. Ein wesentlicher Bereich des Sozialstaates sind Geldleistungen der Sozialversicherung und diese, so die Autor:innen, könne eben nicht ausreichend gegen Armut absichern, weil die Leistungen vom Erwerbseinkommen abhängig sind. „Die Prekarisierung der Erwerbsarbeit in den letzten 30 Jahren beeinträchtigte damit auch die armutsverhindernde Wirkung der Sozialversicherung“ (S. 181). Hinzu kommt, dass dieses System stark auf Geldleistungen konzentriert ist, was im Vergleich zu Sachleistungen oftmals als weniger nachhaltig eingestuft werden kann, wie Astrid Pennerstorfer in ihrem Beitrag ausführt. Zwar bieten Geldleistungen den Vorteil der individuellen Wahl, wo und wie sie eingesetzt werden sollten, doch ohne beispielsweise ausreichend Kinderbetreuungsplätze nützt der alleinerziehenden Mutter auch das Geld für einen Betreuungsplatz wenig. Eine Studie aus Spanien (2016) konnte aufzeigen, dass eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit während der Wirtschaftskrise „umverteilend wirkte und zu einem Rückgang der Armutsrate beitragen konnte“ (S. 205).

In der vorliegenden Rezension konnte nur ein Bruchteil des Wissens der Expert:innen wiedergegeben werden, wesentlich ist jedoch, dass Armut als multidimensionale Problemlage anerkannt werden muss, dass Armutsbekämpfung mehr umfasst als die zur Verfügungstellung von finanziellen Hilfen. So braucht es insbesondere auch strukturelle Angebote und leistbaren Wohnraum, um Armut nachhaltig zu bekämpfen.