Tim Jackson

Ökonomie der Fürsorge

Ausgabe: 2025 | 4
Ökonomie der Fürsorge

Tim Jackson ist Direktor des Centre for the Understanding of Sustainable Prosperity und Professor für nachhaltige Entwicklung an der University of Surrey (GB). Sein Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ wurde zu einem Bestseller und war 2011 Buch des Jahres der Financial Times. „Wie wollen wir leben“ aus 2021 wurde ebenfalls mit einem Wirtschaftspreis ausgezeichnet. In seinem neuen Werk „Ökonomie der Fürsorge“ wendet sich Jackson unserem Gesundheitssystem zu. Zwei Ideen erfolgt er damit, wie wir zu Beginn und am Ende des Buchs erfahren: „Die erste ist, dass menschlicher Wohlstand, wenn man genau hinschaut, auf Gesundheit basiert, nicht auf Reichtum. Deswegen sollte sich, zweitens, die Wirtschaft in erster Linie mit Fürsorge in all ihren Formen befassen, und nicht mit Wachstum“ (S. 394). Davor breitet der Autor – für einen Ökonomen eher unüblich – viele Gedanken, Assoziationen und Ideen aus. Neben Recherchen zur kapitalistischen Vermarktung von abhängig machenden Schmerzmitteln stehen Überlegungen zur Verdrängung des Todes durch unsere Ersatzreligion des Konsums. Reflexionen über Care-Arbeit und ihre Marginalisierung im Kapitalismus werden verbunden mit einem umfassenden Gesundheitsbegriff, den die Weltgesundheitsorganisation vertritt – Gesundheit bedeutet in diesem Sinne auch psychisches Wohlergehen.

Die Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen am Beispiel Großbritanniens wird problematisiert („Investor-Firmen wollen nicht einfach nur Geld zurück. Sie wollen deutlich mehr als ihr Geld zurück.“, S. 139), aber auch die Zunahme an chronischen Erkrankungen mit ihren Steigerungen der Gesundheitsbudgets („Krankheitslast“, S. 149). Das „gute Leben“ aus der griechischen Philosophie steht neben süchtig machenden, überzuckerten Produkten der Lebensmittelindustrie. Jackson hat auch Studien über die Selbstheilungskräfte des Körpers und einen ganzheitlichen Begriff von Gesundheit – Stichwort „Salutogenese“ – reflektiert, und er benennt die Bedeutung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: „Je größer die Resilienz des Körpers ist, je gesünder er von vorherein ist, desto eher hat er die Chance, sich wieder in sein Gleichgewicht zurückzubringen. Doch je stärker die äußeren Einflüsse sind, desto wahrscheinlicher wird es, dass seine Widerstandskräfte überwältigt werden“ (S. 240). Dies hätte auch die Corona-Pandemie gezeigt.

Jackson streift weitere Themen, die er in den Kontext von Gesundheit stellt: den Verlust von handwerklicher und kreativer Arbeit, die Abwertung von Fürsorge-Arbeit, die nicht in das Effizienzdenken des Kapitalismus passe (mit einem Ausflug zur Baumol’schen Kostenkrankheit in einem fiktiven Gespräch mit jenem Ökonomen, nach dem diese benannt ist), die Benachteiligung von Frauen in unserem Wirtschaftssystem, die Zerstörung der Sexualität durch Pornographie oder den Konnex von Patriarchat und Gewalt.

Resümee: Tim Jackson erlaubt sich in diesem sehr assoziativ und mit zahlreichen persönlichen Einschüben verfassten Buch, vielfältige Aspekte des Themas Fürsorge und Gesundheit anzusprechen. Er zitiert Studien, aber auch Filme oder literarische Werke, die Zusammenhänge zum Thema illustrieren sollen. Man verliert aber beim Lesen teilweise die Übersicht. Die mehrfach geäußerte Kritik am gegenwärtigen Konsum- und Wachstumskapitalismus ist bekannt. Gewünscht hätte ich etwas mehr Perspektiven für Veränderungen.