Jagoda Marinić:

Sanfte Radikalität

Ausgabe: 2026 | 1
Sanfte Radikalität

Jagoda Marinićs Buch Sanfte Radikalität ist in aller Munde. Sanfte Radikalität ist für Marinić die bewusste Entscheidung, eine Idee oder ein Projekt wirklich in die Welt zu bringen, anstatt Radikalität vor allem für die Kritik oder den Angriff auf Andersdenkende zu nutzen.

Die Autorin betont, dass die Gestaltung einer besseren Welt durch Handeln erfolgen muss, da bloße Vorträge oder Kritik am Bestehenden nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Wahre Bewegung entsteht nicht durch lautes, schreiendes Einfordern, sondern durch die leise, aber beharrliche Schaffung von Erlebnissen und Räumen, welche das Denken transformieren und vor allem das Vertrauen in die Veränderbarkeit der Umstände stärken. Marinićs Thesen bauen auf persönlichen Erfahrungen auf, etwa bei der Entwicklung eines interkulturellen Hausprojekts in Heidelberg ab 2012.

Ein zentraler Teil des Buches ist die kritische Auseinandersetzung mit „Identität“. Marinić sieht eine Gefahr im Kampf um Teilhabe: „Je mehr sie für Minderheitenrechte kämpften, umso mehr bestätigen sie sich in ihrer Minderheiten-Identität und machten aus dem fluiden Ich, das jeder Mensch ist und das in viele soziale Rollen täglich zu schlüpfen hat, ein sich verhärtendes Ich, das vor allem nur eine Erzählung von sich hat“ (S. 47). Die Autorin kritisiert, dass auch die Gesellschaft Personen in diese Rolle drängt, etwa indem bei Diskussionsrunden oft die Herkunft und nicht der Inhalt ihrer Texte im Mittelpunkt stehe. Um dieser Fremdbestimmung zu entgehen, berichtet sie bewusst über ihre Identität um die Herangehensweise zu bestimmen. Das Ziel sei es, den Mechanismus des Othering – der Markierung von Menschen als „die Anderen“ – zu unterlaufen. Marinić äußert auch Kritik an aktuellen Diskursen. Sie merkt an, dass das „richtige Reden über Migration“ oft mehr diskutiert werde als fundamentale Fragen nach dem Wahlrecht für Einwanderer, Arbeitserlaubnissen oder dem Bleiberecht.

Ihre eigene Sanfte Radikalität äußert sich konkret in ihrem radikalen Eintreten für das Gespräch, selbst mit vehementen Gegnern. Sie erinnert sich, dass ein Mann ihr Heidelberger Projekt anfangs als „Migrantenschrotthalde“ ablehnte, aber nach mehreren Gesprächen und Einladungen zu einem Unterstützer wurde.

Mit Jagoda Marinić raus aus der eigenen Bubble und wirklich etwas gestalten, auch wenn es mühsam und manchmal schmerzhaft ist.