Editorial 4/1989

In den zahlreichen Berichten und Kommentaren zu den aufregenden Ereignissen in Osteuropa ist ein wesentlicher Faktor, der die Veränderungen vorausgedacht und gedanklich in jahrelanger Arbeit vorbereitet hat, bisher kaum erwähnt worden: die „soziale Prognostik“. Unter dieser Bezeichnung haben Neuerer in der Sowjetunion, Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR und Rumänien bis zu den tragischen Ereignissen dieses Jahres auch in der Volksrepublik China versucht, die erstarrten Strukturen eines Sozialismus, der diesen Namen seit langem nicht mehr verdiente, in Bewegung zu bringen.

Die erste überraschende Bekanntschaft mit solchen Versuchen habe ich bereits 1967 machen können. Damals lud Professor Igor Bestushew-Lada vom Moskauer Institut für soziale Prognostik zehn Zukunftsforscher des Westens zu einer Konferenz in die sowjetische Hauptstadt ein, und wir erfuhren dort, dass Tausende von Experten in den verschiedenen Ministerien und an ihren Planstellen sich bemühten, ein offeneres, besser informiertes und phantasievolles Denken zu propagieren. Es war eine Anstrengung, die zwar keine sofortigen Resultate erzielte, aber doch Anfänge eines „neuen Denkens“ in Partei und Staatsbürokratie setzte. Eine ähnliche Funktion hatte in Polen die Vereinigung „Polen 2000“ und in der Tschechoslowakei bis zum Leidensjahr 1968 die (nach ihrem Initiator so benannte) „Richta-Gruppe", deren Reformpläne nun nach den jüngsten Ereignissen wieder aufgegriffen werden. Auch in Ungarn spielte die vor allem von Soziologen getragene Zukunftsbewegung sowohl vor wie nach den Ereignissen von 1956 in einer Art von Halblegalität eine wichtige Rolle, die wohl erst im Laufe der kommenden Jahre voll gewürdigt werden kann. 

Bis zu Beginn der siebziger Jahre konnte sich das Institut für Zukunftsprobleme in Bukarest freier bewegen als ähnliche Gruppen in anderen Ländern des „realen Sozialismus“. Deshalb konnte dort damals auch einer der ersten internationalen Zukunftskongresse abgehalten werden. In der Folge aber wurden diese Bemühungen so sehr überwacht und verfolgt, dass der wichtigste Exponent des Instituts, Professor B., nach den USA auswandern musste, wo ich ihn im Juni 1989 traf. 

Seit Beginn der Perestroika haben die Zukunftsforscher der Sowjetunion endlich ganz offen auftreten können. Ein Beispiel dafür ist der Physiker Genadij Alferenko, dessen Stiftung für soziale Erfindungen (Moskwa 125866, Ulitsa Pravda 24) nicht nur offiziell anerkannt worden ist, sondern auch eine beachtliche publizistische Aktivität entwickeln konnte. 35 Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkstationen arbeiten mit Alferenko in seinem Bemühen zusammen, den Erneuerungsprozess durch die Ideen tausender Bürger demokratisch zu gestalten. Sogar eine regelmäßige elektronische Verbindung nach den USA besteht, die unter anderem der Vorbereitung einer internationalen Konferenz zur Förderung neuer gesellschaftlicher Konzepte dient.

Auch in der DDR, wo Professor D. Klein schon seit Jahren versucht hat, langfristiges und zukunftsverantwortliches Denken zu lehren, ist ein Aufblühen der bisher meist nur in kleinen Zirkeln betriebenen Zukunftsforschung zu erwarten. Durch die Publikation des Taschenbuchs „Zukunftswerkstätten“ in einem der größten Verlage des Landes soll aber nun auch Bürgern, die bisher kaum die Möglichkeit hatten, eigene Zukunftsvorschläge an die Öffentlichkeit zu bringen, ein Arbeitsinstrument an die Hand gegeben werden.

Im Mai 1990 wird in Budapest die Weltkonferenz der „World Future Studies Federation“ stattfinden. Bei dieser Gelegenheit dürfte der lange Jahre geheimgehaltene Einfluss der „östlichen“ Zukunftsdenker offengelegt werden, denen nun mit dem Erscheinen eines von der Unabhängigen Kooperative „Text“ (Argunovskayastr. 6-2-237, 129075 Moskwa) herausgegebenen Magazins mit dem Titel „ZAVTRA“ („Morgen“) endlich ein eigenes Organ zur Verfügung stehen wird.