Am Rande des neuen Jahrtausends sind wir ganz ohne Zweifel Opfer eines Jahrhundertfehlers: Die Gefahrenverwaltung der High-Tech-Gesellschaft erweist sich in Anbetracht der selbstverursachten Herausforderung als untaugliches Instrumentarium. In Fortführung der frühindustriellen Praxis rechnet sie immer noch mit begrenz- und zurechenbaren Unfällen, während sich Atom-, Gen- und Chemieindustrie der Verantwortung durch legalisierte Anonymität entziehen. Eine vom "Stand der Technik" im Eilschritt überholte Rechtsprechung verwandelt Täterschaft in Nicht-Täterschaft, indem sie' am Prinzip individueller Schuldzuweisung festhält, die zumindest nachträglich de facto nicht nachgewiesen werden kann. Doch nicht nur das Rechtssystem gerät im "Niemandsland faktischer Universalvergiftung und rechtlicher Nichtvergiftung" in Gefahr. Auch die Grundfesten einer (scheinbar) rationalen (Natur-)Wissenschaft sind tief erschüttert. Wenn sich die Welt in ein Labor verwandelt, in welchem nur noch wahrscheinliche Sicherheiten gegeben werden können, sind die Grundsätze der Logik selbst außer Kraft gesetzt. Wo Atomkraftwerke gebaut, manipulierte Gene ausgesetzt und Chemikalien erprobt werden, bevor und damit ihre Sicherheit nachgewiesen werden kann, übt sich die Wissenschaft bestenfalls im Nach-Denken. In Umkehrung des Titels behandelt Beck im ersten Teil der Studie die Grundzüge des gegenwärtigen industriellen Fatalismus. Die Barbarei der Moderne (Gentechnik) kommt dabei ebenso zur Sprache wie das "naturalistische Mißverständnis der Ökologiebewegung", die über eine utopische Erinnerung hinaus an einem Naturbegriff festhält, der unwiederbringlich der gesellschaftlichen Aneignung und Zerstörung anheimgefallen ist. Gegengifte, der zweite Abschnitt, schildert dagegen die Widersprüche, die im System selbst liegen und wenn überhaupt die sichersten Garanten dafür sind, daß sich die Irrationalismen des bürokratisch-industriellen Komplexes nicht in einer globalen Katastrophe aufheben. Zum einen werden die selbst gestellten Sicherheitsprognosen der Betreiber von der Realität regelmäßig entkräftet, sodaß die "Atomenergie selbst zu ihrem ausdauerndsten und überzeugendsten Gegner" wird; zum anderen wächst die Zahl der kritischen Wissenschaftler innerhalb des Systems ständig. Im "Kampf um den vergifteten Kuchen" sind Risikogewinner immer mehr auch Verlierer (an einer anderen Front uneingeschränkten Profitstrebens). Begleitet von einer zunehmend sensibilisierten Öffentlichkeit, bietet sich so von innen die Möglichkeit zur Korrektur des "Jahrhundertfehlers“: Die Umkehr der Beweislasten, die Neuordnung von Zumutbarkeiten, die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und sozialem Fortschritt stehen zur Debatte. Beck skizziert die Ursachen und Risiken eines "Steinzeitindustrialismus", den hinter uns zu lassen, wir kaum begonnen haben. Soll das gelingen, steht nicht das Ende der Aufklärung, sondern deren Erlösung auf der Tagesordnung. Ein wichtiges Buch, das überzeugt, vor allem weil es nicht beschwichtigt.

Beck, Ulrich: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988. 324 S. (Edition Suhrkamp; 1468)