1972 konnte die neu fusionierte bild der wissenschaft Robert Jungk als Kolumnisten gewinnen. Rund ein Jahr später begann darin auch der Herausgeber Heinz Haber eine Kolumne. Für jeden, der kontroverse Standpunkte schätzte, war das ein Glücksfall: Der Physiker Haber hatte in der Disney-Fernsehserie „Our friend the atom“ und mehreren Sachbüchern ein positives Bild technischer Neuerungen gezeichnet, während der Geisteswissenschaftler Jungk in Kolumnen und Bestsellern wie „Die Zukunft hat schon begonnen“ vor den Folgen ungezügelter Technisierung warnte. Der Kontrast beider Perspektiven gefiel dem langjährigen Chefredakteur der bild der wissenschaft, Wolfram Huncke, so gut, dass er 1983-1985 zehn private Diskussionen der eng befreundeten Haber und Jungk organisierte.

 

Die Aufzeichnungen dieser Gespräche hat Huncke nun unter dem Titel „Gestern ist heute“ veröffentlicht. Spontan lässt dieses Paradoxon an weitere Buchtitel denken, die mit der Gleichsetzung von Zeitstufen spielen: zuallererst Ingeborg Drewitz’ Roman „Gestern war heute“, die Spiegel-Serie „Die Gegenwart der Vergangenheit“ oder „Die Zukunft hat schon begonnen“, Robert Jungks 1952 erschienenes erstes großes Werk. Diese Assoziationen zeigen, wie die Titelwahl ausgefallen ist: nicht (mehr) gerade originell – und leider auch gar nicht so treffend. Schließlich beansprucht der Titel implizit, wofür das Vorwort einen Energiewissenschaftler des „Wuppertal Instituts“ in den Zeugenstand ruft: Die Streitgespräche zwischen Haber und Jungk seien „auch nach 25 Jahren noch aktuell, ein Thema auch für die junge Generation“ (S. 9). Für viele Aspekte der Diskussionen rund um den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt gilt das in der Tat.

 

Während Haber auf dessen Chancen verwies, vor allem die enorm verbesserte medizinische Versorgung (S. 41), erinnerte Jungk an zugehörige Risiken, wie die Gefahren des Autoverkehrs (S. 37) und problematische Folgen wie Arbeitslosigkeit durch Rationalisierung (S. 24). Kontrovers waren auch die Positionen gegenüber den mächtigsten Akteuren innerhalb dieser Entwicklung: den Konzernen. Während Haber diesen neutral bis wohlwollend gegenüberstand (S. 28), kritisierte Jungk sie schonungslos und unterstellte ihnen Profitgier „auf Kosten anderer Betroffener“ bis hin zur „Bosheit“ (S. 39). Grundsätzlich freilich lehnte auch Jungk den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt nicht ab. Schließlich sprachen er und Haber diesem eine gewaltige Eigendynamik zu. (S. 18) Daher sei, so Jungk, nicht „Maschinenstürmerei“ geboten, sondern „Maschinenzähmerei“, die „eine neue, umweltgerechte und menschengerechte Technik“ schaffen sollte. (S. 68)

 

Dieser Anspruch zeigt den entscheidenden Unterschied zwischen Habers und Jungks Position. Während Haber trotz aller Anteilnahme und allen Plädoyers für den Blick auf mögliche Folgen der Technisierung (S. 38) bei der Analyse blieb, forderte und machte Jungk darüber hinaus Lösungsvorschläge (S. 47). Dabei setzte er nicht nur auf Dezentralisierung (S. 24), sondern auf alternative Bewegungen (S. 25), bei denen er zweifellos an Bürgerinitiativen und grüne Aktivitäten der ersten Stunde dachte.

 

Damit wird deutlich, wie typisch manche Gedanken zugleich für die 1980er-Jahre sind. Schon die Diskussionen des Einstiegskapitels sind unverkennbar vom „Kalten Krieg“ geprägt, wenn Haber und Jungk die wachsende Kriegsbereitschaft der Supermächte als größte Gefahr für die Zukunft definieren (S. 15-17) oder auf den Schah und die Revolution im Iran verweisen (S. 19).

 

Der zeitlichen Distanz trägt der Herausgeber Rechnung, indem er in eingefügten Kästen Personen und Ereignisse erklärt. Diese sind knapp und verständlich, enthalten leider aber auch einige sachliche Fehler, vor allem falsche Datierungen. Das auffälligste Beispiel findet sich in der Einleitung, wo es heißt: „Jungk war in die USA geflohen vor den Nazis“ (S. 8). Wie sich allerdings auch der Zeittafel auf S. 118 entnehmen lässt, ging Jungk erst 1948 als Korrespondent verschiedener Schweizer Zeitungen in die USA. (Vor den Nazis geflohen war er freilich schon, allerdings zuerst in die Tschechoslowakei, während der Kriegszeit in die Schweiz.) Auch die kurze Einleitung beschränkt sich im Wesentlichen auf die Entstehungsgeschichte der Edition und enthält auch sonst viel „Gestern“ und wenig „Heute“ –schließlich reproduziert sie in Teilen eine bild der wissenschaft-Kolumne des Herausgebers aus dem Jahr 1985, die direkt dahinter abgedruckt ist.

 

Das mit mehreren Bildern ansprechend gestaltete Buch lohnt sich für jeden, der sich knapp und pointiert über Jungks und Habers Analysen und Bewertungen des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts informieren möchte. Ihre Diskussionen enthalten Aktuelles und zugleich – wie sollte es nach 25 Jahren anders sein – Historisches. Die Form von Hunckes Edition legt den Akzent auf das Historische. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur der Titel „Gestern ist heute“ mit seinem Aktualitätsanspruch, der will dadurch nicht so recht passen. A. E.

 

Gestern ist heute. Heinz Haber u. Robert Jungk im Disput um die Zukunft. Hrsg. v. Wolfram Huncke. Stuttgart: Hirzel, 2011. 119 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,80

 

ISBN 978-3-7776-2135-7