Achim Eberspächer

Das Projekt Futurologie

Ausgabe: 2020 | 2

Es ist ungemein lehrreich zu lesen, wie einst über die Zukunft gedacht wurde. Achim Eberspächer hat die Geschichte der Futurologie in der Bundesrepublik in den Jahren 1952 bis 1982 nachgezeichnet. Der umfangreiche Band muss als Standardwerk für das Thema Zukunftsforschung gewertet werden. Eberspächer setzt beim Begriff „Futurologie“ an, dessen Anwendung auf Ossip Flechtheim zurückgeht. Der Zweck der Futurologie sei es gewesen, als Frühwarnsystem gegenüber totalitären Entwicklungen zu wirken. Neben Flechtheim führt Eberspächer sehr früh Robert Jungk ein.

Robert Jungk verbreitet besonders früh die Themen der Futurologie

Robert Jungk sei es besonders gut gelungen, die Themen der Futurologie auch zu verbreiten. Der Titel des 1952 veröffentlichen Buches Die Zukunft hat schon begonnen wurde sogar zum geflügelten Wort. Jungk sprach darin sowohl die militärischen Gefahren der neuen Zeiten als auch die Risiken der wissenschaftlich-technischen Entwicklungen an. Auf Jungk folgen Fritz Baade, mit einem Aufruf zur Bekämpfung der Unterernährung und Georg Picht, der die Entwicklung der Bildungsstandards kritisch sah. Große Bedeutung hatte Karl Steinbuch, der dafür eintrat, dass man Entscheidungen stets an wahrscheinlichen künftigen Entwicklungen orientieren müsse. Steinbuch sprach von „Zukunftsforschung“, einem Genre, das Futurologie und das Rechnen von Entwicklungslinien mit Hilfe neuer (vor allem quantitativer) Methoden kombiniere. Der Spiegel widmete den Futurologen 1966 eine Titelgeschichte, beim wichtigen Treffen deutscher Intellektueller, dem „Darmstädter Gespräch“ fand man wohlwollende Aufnahme.

In den 1960er-Jahren kombinierte die Futurologie so fortschrittskritische und fortschrittsoptimistische Grundhaltungen. Für Eberspächer war die Kritik dabei der stärkere Pol.

Ab den 1960er-Jahren begannen die Futurologinnen und Futurologen, sich auch institutionell zu organisieren. Zuerst wurde 1967 die Gesellschaft für Zukunftsfragen (GfZ) gegründet, 1968 das Berliner Zentrum für Zukunftsforschung (ZfZ). Es erschienen die Zeitschriften Analysen und Prognosen über die Welt und das Futurum. Zusätzlich wurden von Flechtheim, Jungk und Steinbuch Lehrveranstaltungen an Universitäten angeboten. Der Preis der Popularität der Futurologie in dieser Phase sei der Verlust des fortschrittskritischen Elements gewesen, scheibt Eberspächer (S. 344). Er spricht von der „riskanten Allianz“ der populären Futurologie mit den nun populären Technikvisionen. In der erwähnten Titelgeschichte  war von den „Prophezeiungen der Futurologen“ die Rede. Bemerkenswert war hier die Rolle von Hermann Kahn. 1968 erschein sein Buch The Year 2000 in deutscher Übersetzung, der Untertitel lautete „Ihr werdet es erleben“. Darin entfaltete Kahn kreativ alternative mögliche Zukünfte. Diese Bilder beschrieb er konkret und effektvoll, sie handelten von einer voll- bzw. postindustriellen Überflussgesellschaft. Kahns Sorge galt den Effekten des Überflusses auf die Werthaltungen in der Gesellschaft (S. 200).

Kritik an der Zukunftsforschung

Die Futurologie war bald auch Kritik ausgesetzt. Karl Popper warnte etwa davor, das prognostische Potential von Zukunftsaussagen zu überschätzen. Claus Koch kritisierte, dass Zukunftsforschung mit dem Blick auf Gefahren für die Gegenwart implizit den Status quo stützt. Aber auch unter den Futurologen kam es zum Konflikt. 1969 brachte das Zerwürfnis zwischen Steinbuch und Jungk. Die Konflikte, die folgten, waren für Eberspächer gewichtiger für die folgenden Probleme des Genres als externe Kritik.

Die Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 überlagerte ab ihrem Erscheinen viele andere Stränge des Zukunftsdenkens. Die pessimistische Grundstimmung führte zu einem Zurückdrängen der Teile der Futurologie, die bunte Zukunftsentwürfe lieferte. Vor allem in den 1980er-Jahren kam es nach einem Abebben der Begeisterung für Futurologie auch zu einer schrittweisen Reduzierung der Zahl der Institutionen.

Für Eberspächer hatte die Futurologie ihre Stärke weniger auf der theoretisch-argumentativen Ebene. Vielmehr war das institutionelle und mediale Engagement von Erfolg gekrönt.

Trendforschung und Technikfolgenabschätzung als Nachfolger

Die zeitweise sehr populäre „Trendforschung“ und die inzwischen fest institutionalisierte Technikfolgenabschätzung sieht Eberspächer als Nachfolger der Futurologie. Theoretisch ordnet Eberspächer der Zeit der „Futurologie“ einen Fortschritt zu. Gemeinsam mit Elke Seefried und Lucian Hölscher datiert er den Wechsel im Denken zugunsten mehrerer möglicher Zukünfte (an der Stelle der einen wahrscheinlichen Zukunft) in der untersuchten Zeitspanne. Darauf aufbauend spielen heute die Szenarioanalysen eine dominante Rolle in der Darstellung möglicher Zukünfte.

Das Buch führt nicht nur souverän durch drei Jahrzehnte der Geschichte des Zukunftsdenkens. Es ist auch eine Fundgrube für Argumente, Ideen, beispielhafte Anwendungen und Irrwege. Somit bietet es solide Wissenschaft und zugleich guten Lesestoff.