Plädoyer für eine Politik der Teilhabe

Ausgabe: 1997 | 1

Editorial 1/1997

„Mankind 2000" - so nannten Robert Jungk, Johan Galtung und der Brite James Wellesley-Wesley ihre richtungsweisende Initiative, die im September 1967 rund 70 Zukunftsdenker aus vier Kontinenten in Oslo zusammenführte, um Visionen und Strategien für das Leben jenseits der Jahrtausendwende zu erörtern. Der Optimismus, der diese, den Beginn der europäischen Zukunftsforschung markierende Konferenz, prägte, ist heute, da wir weniger als 1000 Tage vor der so erwartungsvoll in den Blick genommenen Zeitgrenze stehen, vielfach begründetem Zweifel und teils tiefer Verunsicherung gewichen. Fast scheint es, als seien die zigtausend Seiten, die im Hinblick auf diesen Meilenstein der Menschheitsentwicklung hin verfasst wurden, kaum das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind: Die seit Jahren von den besten Denkern verbreiteten Analysen, Warnungen und konstruktiven Ideen, die eine Vielzahl konkreter Vorschläge enthalten, wie den drängendsten Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen wäre, sind offensichtlich nicht in der Lage, der grassierenden Skepsis der Mutlosen entgegenzuwirken. Die Häme all jener, die sich in Anbetracht der zahlreichen Fehlprognosen über die Zunft der Zukunftsforscher ergießt - nicht wenige von ihnen hatten uns ein sorgenvolles, von den dienstbaren Geistern der Technik bereitetes, paradiesisches Dasein in Aussicht gestellt - greift jedoch, wie ich meine, zu kurz. Wer die Zukunftsforschung aufgrund einer " Trefferquote" von knapp mehr als 30 % mit dem durchaus vergleichbaren Erfolg von Propheten und Wahrsagern gleichsetzt, verkennt, dass sie die Kriterien der Wissenschaftlichkeit im engeren Sinne zu erfüllen ernsthaft nicht vorgibt" Die Zukunft", so stellte Edward Cornish, der Präsident der  ,World Future Society', kürzlich treffend fest, "ist kein bestehendes Land, das man einfach durchs Teleskop ansehen kann.,,1 Die Topographie dieses Landes jedoch zu erkunden, um all jene zu warnen, die mit geschlossenen Augen auf einen Abgrund zurasen, Wegmarken für eine Kurskorrektur anzubieten und Vorschläge zu erarbeiten, wie es zum Wohle seiner gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner zu gestalten wäre, ist eine Herausforderung, der sich Weitsichtige, um die Gestaltung einer zukunftstauglichen Gesellschaft Besorgte stellen müssen. Machtvolle (und zunehmend wirkungsvolle) Demonstrationen all derer, die sich - sei es in den Straßen Belgrads, in Albanien oder auch im Herzen der Bundesrepublik angesichts einer seit 1930 nicht mehr erreichten Arbeitslosenquote - in Sorge um ihre Zukunft zusammenfinden, sind Zeichen dafür, dass die herkömmlichen Instrumentarien der wirtschaftlichen und sozialen Steuerung nicht mehr greifen. Fried- und phantasievoller Protest allein wird jedoch nicht genügen, um nachhaltige Änderungen zu bewirken. Dringend erforderlich ist vielmehr der Mut zu einer Politik der Teilhabe, wie sie exemplarisch in den von der Stiftung Mitarbeit herausgegebenen Bänden (in dieser Ausgabe Nr. 1 und 41) und zahlreichen anderen Beiträgen vorgestellt werden. Erprobte Modelle bürgerorientierter Partizipation und eine Menge positiver Erfahrungen weisen darauf hin, dass Menschen sehr wohl in der Lage und bereit sind, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten. Ist es also nicht höchste Zeit, die auf die "Standortdiskussion" konzentrierte Debatte der „Entscheidungsträger" zu erweitern und den Reformstau der Politik durch eine den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Zeit entsprechende Weiterentwicklung der Demokratie zu überwinden? Einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat (wie Waldemar Stange in Nr. 2 darlegt) das Land Schleswig-Holstein getan: Kinder und Jugendliche sind demnach seit 1.4.1996 verpflichtend in die politische Planung ihres Lebensraumes einzubeziehen! Dies könnte eine in der Tat epochale Entscheidung auf dem Weg zu einer solidarisch gestalteten Gesellschaft sein: Denn Frauen, Alte, Erwerbslose und Ausländer - sie alle werden mit Recht die aktive Mitgestaltung der Gesellschaft einfordern können, zumal dann, wenn es, von bezahlter Arbeit "freigesetzt", darum geht die Facetten neuer Lebensstile zu erkunden und umzusetzen. Die Kampagne "Neu arbeiten, neu denken, neu leben ". die gegenwärtig von Zukunftswerkstätten-Moderatorinnen vorbereitet wird, will dieser Entwicklung Rechnung tragen: Wie kann es gelingen, die Prinzipien sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit umzusetzen, durch Entschleunigung und weniger Umsatz an Ressourcen und Finanzen ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen? "Gut leben statt viel haben", lautet die Devise. Sie Wirklichkeit werden zu lassen, bedeutet vor allem auch, den vorhandenen Reichtum zu teilen: den Reichtum an Geld mit jenen, denen ein Leben in Würde verwehrt ist; den Reichtum an Kreativität und Phantasie jedoch mit allen, denen eine zukunftsfähige Gesellschaft am Herzen liegt. Sie gilt es zu nutzen, wenn es beispielsweise darum geht, unsere Städte, Dörfer und Gemeinden so zu gestalten, dass es Freude macht, in ihnen zu leben und einander zu begegnen. Mobilität sei, heißt es, "Freie Fahrt für freie Bürger!" Nur zu, wenn damit nicht nur die Straßen, sondern vor allem unsere Köpfe gemeint sind.