Zukunft: zentral oder dezentral?

Ausgabe: 1993 | 1

Editorial 1993/1:

Je schwieriger die Bewältigung gegenwärtiger oder vermuteter künftiger Krisen wird, desto häufiger erklingt nun wieder der Ruf nach starken Männern und Institutionen. Ich halte das für einen begreiflichen, aber bedauerlichen und möglicherweise sogar verhängnisvollen Rückfall in ein Denken, das der mannigfaltigen Vielzahl und Komplexheit der nach Lösung verlangenden Probleme nicht gerecht werden kann. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass Entscheidungen, die von mächtigen Persönlichkeiten oder zentralen Gremien getroffen werden, auf den ersten Blick Vorteile haben, die in der Tat verführerisch sind. Sie können schnell erfolgen und daher unvermeidliche Verzögerungen, die sich aus einem langwierigen Entscheidungsprozess ergeben müssen, vermeiden. Auch ist die Wahrscheinlichkeit, dass solche diktatorischen Entschlüsse unter Einsatz von Druck, wenn nicht sogar Gewalt von oben in die Tat umgesetzt werden, hoch und kommt den ungeduldigen Erwartungen der in Not geratenen Bevölkerung entgegen. Wer die Zukunft als eine Abfolge drängender hochgefährlicher Situationen sieht, die nach sofortigen Antworten und durchgreifendem Handeln verlangen, wird daher die Ausschaltung demokratischer und dezentraler Vorgehensweisen entschuldigen, ja sogar als unausweichlich verteidigen. Es ist kein Zufall, dass die radikale Rechtspartei der „Republikaner“ bei den hessischen Kommunalwahlen –  speziell in Frankfurt – in ihrer Werbung besonders mit dem Schlagwort „ZUKUNFT“ arbeitete. Sie wollte den Bürgern in ihrer zunehmenden Ratlosigkeit weismachen, dass sie die Zukunft besser gestalten könnte als die diskutierenden und zerstrittenen Politiker der anderen Parteien. Die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts haben jedoch gezeigt, dass die Anfangserfolge totalitärer Regime unweigerlich von späteren negativen, wenn nicht sogar katastrophalen Folgen überschattet wurden. Sie erreichten oft sofortige Erfolge durch Opferung langfristiger Notwendigkeiten und Chancen. Die Geschichte des Hitlerreiches wie der Stalindiktatur zeigen das in aller Deutlichkeit. Wie ist es möglich, effizient zu regieren und erfolgreich zu handeln, wenn eine Vielzahl von Ansichten und Meinungen ins Spiel gebracht wird? Diese Frage ist angesichts der Ereignisse in Ost- und Südosteuropa von vorrangiger Bedeutung. Könnte man aber den Zerfall der dortigen politischen und ökonomischen Strukturen nicht auch als einen unvermeidlich gewordenen notwendigen Vorgang des Umbaus ansehen, der zum chaotischen Umsturz werden musste, weil er zu spät kam? Weshalb versagten die Mächtigen im Dritten Reich und in der Sowjetunion? Vor allem wohl, weil sie trotz ihrer geheimpolizeilichen Beobachtungsorgane die Wirklichkeit in den Regionen, Gemeinden und Haushalten nicht kannten. Wenn sie erfuhren, wie negativ sich ihre Maßnahmen ausgewirkt hatten, war es meist schon zu spät, die gemachten Fehler zu revidieren. Der Weg der Information von „unten“ nach „oben“ war viel zu lang. Sie wurden zudem durch ideologische Engstirnigkeit verfälscht. Die negativen Erfahrungen, die unsere Generation mit zu groß gewordenen politischen und ökonomischen Einheiten sowie zu großen und daher zunehmend unkontrollierbaren technischen Strukturen macht, lässt eine Abkehr vom Zentralismus immer wahrscheinlicher werden. Diese Lektion haben einige zukunftsorientierte Großkonzerne bereits gelernt. Sie verlagern immer mehr Verantwortung in kleinere, überschaubare Betriebe und Abteilungen, die durch elektronische Informationssysteme ständig Kontakt zueinander halten und ihre Entscheidungen aufeinander abstimmen. In den Debatten um die Zukunft Europas spielen die vielen negativen Erfahrungen, die mit zentralen kopflastigen Systemen gemacht worden sind, eine immer stärkere Rolle. Die Versprechungen Brüssels, dass man künftig den eigenständigen „subsidiären“ Vorgehensweisen der EWR- und EG-Mitglieder genügend Aufmerksamkeit schenken werde, finden zunehmend weniger Glauben. Eher erwartet man eine schleichende bürokratische Europadiktatur. So erlangen Ideen von einem künftig basisdemokratisch organisierten Europa, die vor allem von dem Schweizer Nationalratsabgeordneten Andreas Gross und der von ihm gegründeten „Eurotopia“-Bewegung ausgehen, ebenso wachsende Zustimmung wie – in planetaren Dimensionen – die Vorstellungen Jakob von Uexkulls, der angesichts der Erfolglosigkeit nationaler und internationaler Umweltpolitik eine weltweite Volksbewegung und die Gründung eines „Peoples' Council for Global Sustainability“ vorschlägt. (1) In diesem Zusammenhang verdient auch Beachtung, dass sich in Indien eine von den Gemeinden ausgehende Basisbewegung entwickelt, die den zunehmenden Konflikt zwischen Hindus und Moslems in direkten Gesprächen zu entschärfen trachtet. (2) Die Sehnsucht nach einer menschen- und wirklichkeitsnäheren Zukunft, die in solchen Anstößen zum Ausdruck kommt, wird vermutlich von Jahr zu Jahr wachsen. Wichtig erscheint es, eine künftige gewaltsame Explosion des Drängens nach dezentraler, bürgernäheren Mitsprache zu verhindern, indem solche neuen demokratischen Strukturen rechtzeitig erprobt werden. Es können diese und andere in der Zukunft anstehenden Entscheidungen nicht erst dann getroffen werden, wenn es schon brennt. Sie müssen vielmehr von weitsichtigen, zukunftsbewussten Persönlichkeiten früh genug vorbereitet werden.

(1) Jakob v. Uexkull: Saving the planet's lifesupport systems: lt's time for a Peoples' Council for the Global Sustainability! 11 S. (Address: 7 Park Crescent, GB London W1 N 3HE)

(2) People in control. In Down To Earth, February 28, 1993.