Editorial 3/1990 

Die Zahl der Institutionen und Organisationen, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigen, hat seit Beginn der achtziger Jahre ständig zugenommen. Sie alle suchen erfahrene und gut ausgebildete Mitarbeiter auf diesem neuen Gebiet. Aber Schulen, Fachhochschulen und Universitäten bieten kaum Kurse oder Vorlesungen, in denen die verschiedenen Methoden und Erfahrungen der seit nunmehr über dreißig Jahren unternommenen Anstrengungen der Zukunftsforschung gelehrt werden. Das trifft besonders für Europa zu, und so ist es verständlich, dass ein auf Initiative von Professor Bernd Hamm an der Universität Trier gegründetes „European Centre for Future Studies“ im August dieses Jahres zu einer Konferenz einlud, bei der Kollegen, die in den USA und Kanada seit Jahren schon „Future Studies“ lehren, etwas über ihre Erfahrungen erzählen sollten. Anregend war besonders der Bericht des Politologen Jim Dator, der seit nunmehr zwanzig Jahren an der University of Hawaii forscht und lehrt. Er geht stets von den subjektiven Zukunftsvorstellungen seiner Hörer aus, ehe er ihnen theoretisches und methodologisches Rüstzeug vermittelt. Sein erklärtes Ziel ist es, die so Ausgebildeten für den Entwurf neuer gesellschaftlicher Systeme vorzubereiten, die sie in Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgern und den Bürgern in die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit einbringen sollten; es sei ein Versuch, „antizipatorische Demokratie“ zu praktizieren.

Allen Tough (Toronto) richtet die Aufmerksamkeit, seiner Studenten einerseits auf die großen Weltprobleme, andererseits auf kommunale Zukunftsfragen und versucht ihnen beizubringen, wie lokales Handeln im Lichte globalen Denkens zu verantwortlicher Gestaltung des Schicksals der Menschheit führen kann. Mihai Mesorovic, einer der Autoren der Studien des „Club of Rome“, der in der Vergangenheit so viel wichtige Aufklärungsarbeit über das Nahen umfassender Krisen auf den Gebieten der Rohstoff- und Umweltressourcen leistete, hat unter dem Namen „Suche nach Harmonie“ ein Computersystem entwickelt, das seinen Nutzern die Möglichkeit eröffnen soll, die verschiedensten Wege zu den notwendigen Zielvorgaben einer ausgewogenen Zukunft zu finden.

Einig waren sich die Tagungsteilnehmer, dass es schnell einen verstärkten internationalen Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet der Schul- und Hochschulerziehung mit Zukunftsbezügen geben müsse. Von großer Bedeutung könnte es sein, dass Pierre Weiss, als Vertreter der UNESCO, die Unterstützung seiner Organisation für diese Anstrengungen zusagte. Datenbanken, Forschungszentren, weltweite Verbreitung von Lehrgängen und den dazugehörigen Lernunterlagen sollen endlich dem Zukunftsunterricht zum Durchbruch verhelfen.

Wie frühere Erfahrungen zeigen, ist die Unterstützung von neuen Projekten durch die UNESCO für diese stets von Bedeutung gewesen, weil sie ihnen bei all denen, die noch zögern, Vertrauen und Anerkennung schafft. So kann man vielleicht prognostizieren, dass es noch vor der Jahrtausendwende neben dem Geschichtsunterricht in den Schulen und den historischen Vorlesungen an den Hochschulen auch Zukunftsunterricht an allen pädagogischen Institutionen geben wird. Hoffentlich verliert die Beschäftigung mit der Zukunft nicht jene Offenheit, interdisziplinäre Haltung und phantasievolle Fähigkeit zur ständigen Erneuerung, welche diese Bemühungen in ihren Anfangszeiten auszeichneten.