Editorial 1992/4:

Mit dem neuen amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore ist zum ersten Mal ein ausgesprochener „futurist“ in ein hohes staatliches Amt gewählt worden. Ich habe diesen für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich belesenen Politiker schon vor Jahren als überzeugenden und begeisternden Sprecher auf einer Tagung der amerikanischen „World Future Society“ erlebt. Damals setzte er sich entschieden für die Rechte kommender Generationen ein, gegen deren Lebensrechte unser bedenkenloser, egoistischer, verschwenderischer und zerstörerischer Umgang mit der Umwelt ein nicht wiedergutzumachendes Verbrechen sei.

In seinem Werk „Earth in the Balance“ (1), das bereits Wochen vor dem Wahlgang für das Weiße Haus erschien, hat sich dieser ehemalige Journalist und Parlamentarier in einer so entschiedenen und einprägsamen Weise mit den Überlebensproblemen der Schöpfung und ihrer Geschöpfe beschäftigt, dass man in den USA von einem „prophetischen, ja heiligen Buch“ sprach, gewiss eine ungewöhnliche Bewertung für eine aktuelle Streitschrift. Man sollte also erwarten, dass es dem einsichtsvollen Team Clinton-Gore gelingt, einen tiefen, epochenmachenden Wandel im immer noch mächtigsten Land der Erde einzuleiten und damit ein ganz neues Kapitel in der sich katastrophal entwickelnden Geschichte der Menschheit aufzuschlagen.

Aber schon in den ersten Wochen nach der triumphalen Wahl werden Zweifel laut, und sie kommen dieses Mal nicht von den Gegnern des neuen Teams, sondern von seinen eigenen  Beratern: „Versprechen sind leichter zu machen als zu halten“, heißt es da im „Wall Street Journal“, das aus der „Übergangszentrale“ in Arkansas meldet, dass die Mittel für eine großzügige Regeneration der Umwelt, die Erneuerung der landesweit verkommenen Infrastrukturen, den Wiederaufbau eines sozialen Gesundheitswesens und andere dringende Reformaufgaben nicht ausreichten. Über kurz oder lang werde man sich daher zu viel energischeren Einsparungen als geplant und schließlich doch zu Steuererhöhungen entscheiden müssen. Geschieht das nicht, dann müssen, wie einige Leitartikler bereits andeuten, die großartigen Rettungspläne von Clinton und Gore so reduziert werden, dass eine tiefe Enttäuschung nicht nur in den USA, sondern in der ganzen Welt die Folge wäre.

Es genügt heute eben nicht mehr, nur vernünftige Rettungspläne auszuarbeiten, wie es jüngst in Montreal und Rio geschah, wenn sie danach nicht auch durchgesetzt werden. Die Staatsmänner – viel genauer, umfassender und weitreichender informiert als die Entscheidungsträger früherer Zeiten – wissen heute, was zu tun wäre, aber sie wagen es nicht. Denn sie fürchten, dass ihnen nicht nur die dann vermeintlich in ihren Interessen bedrohten wirtschaftlichen Machtgruppen Schwierigkeiten bereiten werden, sondern auch die große Menge aller derjenigen, die noch nicht eingesehen haben, wie bedrohlich die Weltlage wirklich ist. In dieser Situation könnte kreatives zukunftsorientiertes Denken von größter, ja vielleicht sogar entscheidender Bedeutung sein. Wenn es gelänge, die Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass ihr Wohlstand durch freiwilligen Verzicht auf den nur noch durch Raubbau und Ausbeutung möglich werdenden Überkonsum nicht bedroht wäre, sondern eher zunähme, würde die Bereitschaft zu einem verantwortungsvolleren Verhalten gewiss steigen. Mögliche Gewinne an Gesundheit, Ruhe, Angstfreiheit, Vielfalt, Mobilität, Schönheit und menschlicher Zuwendung können aber bisher nicht so eindeutig gemessen werden wie das Wachstum von Einkommen und Besitz. Solche immateriellen Gewinne würden die Folge eines entschiedenen ökologischen und zukunftsorientierten Handelns sein. Ich könnte mir vorstellen, dass die Einführung einer neuen Maßeinheit, mit der die Qualität des Lebens in Zahlen bewertet werden kann, helfen würde, den Erwerbs- und Erfolgsdrang vieler Menschen umzuorientieren. „Einnahmen“ würden dann nicht mehr nur in Geldeinkünften gemessen werden, sondern auch in dieser neuen „Währung“. Wer wird am ehesten imstande sein, den zukunftsrettenden Prozess des Umdenkens einzuleiten? Es ist denkbar, dass die Frauen, die überdurchschnittlich am Wahlerfolg von Clinton und Gore beteiligt waren, am ehesten fähig wären, eine solche neue Lebensweise zu verwirklichen. Nicht nur, weil sie durch die Irrtümer eines fehlgeleiteten Fortschritts weniger belastet sind, sondern auch, weil ihr Lebens- und Überlebensinstinkt stärker entwickelt zu sein scheint als beim männlichen Geschlecht. Sie werden tun, was sie wissen.