„Politik im Unterhaltungsformat“ ist für Andreas Dörner „zu einer zentralen Bestimmungsgröße politischer Kultur“ an der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert geworden. Er ist überzeugt: „Das Bild, das Wähler und Mediennutzer, Publikum und Elektorat sich von der Politik machen können, ist maßgeblich geprägt durch die Strukturen und Funktionen des Politainment.“ (S. 31) Politainment bezeichnet nach dem an der Bergischen Universität GH Wuppertal lehrenden Politikwissenschaftler dabei zweierlei: 1.) Unterhaltende Politik („Diese liegt immer dann vor, wenn politische Akteure auf Instrumente und Stilmittel der Unterhaltungskultur zurückgreifen, um ihre jeweiligen Ziele zu realisieren.“ ebd.) 2.) Politische Unterhaltung („Die Unterhaltungsindustrie verwendet gezielt politische Figuren, Themen und Geschehnisse als Material zur Konstruktion ihrer fiktionalen Bildwelten, um so ihre Produkte interessant und attraktiv zu gestalten.“, S. 32)

Anhand zahlreicher Beispiele analysiert Dörner in der vorliegenden Abhandlung beide Phänomene. Politische Unterhaltung ortet der Autor nicht nur in aktuellen Kinofilmen (wie „Go, Trabi, Go“ zur deutschen Wiederveinigung oder  „Schtonk“ sowie  „Götterdämmerung - morgen stirbt Berlin“ zur NS-Vergangenheit), sondern auch in Fernsehserien wie „Lindenstraße“ oder „Forsthaus Falkenau“ sowie in Politkrimis wie „Tatort“ und „Derrick“. Er sieht darin durchaus emanzipatorische („Förster Rombach als moderne Figur“ S. 20) und demokratiepolitische Aspekte („die Lindenstraße führt vor, wie man eine Bürgerinitiative gründet und bei der eigenen Kommune die Verkerhsberuhigung einer Wohnstraße erreichen kann“ S. 59).

Das vermehrte Auftreten politischer Akteure in Talkshows - bei der auf Nonsens angelegten „Harald-Schmidt-Show“ auf SAT 1 waren im letzten deutschen Bundestagswahlkampf nicht weniger als 16 SpitzenpolitikerInnen zugegen, unter ihnen Otto Schily, Joschka Fischer, Rudolf Scharping, Heiner Geissler und Rita Süssmuth - erklärt der Autor mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit, nämlich dem Kalkül, „sich dort einer Zielgruppe von Jüngeren und Erstwählern als Unterhaltungsdienstleister“ zu präsentieren. („Derartige Auftritte in einer Show, die alles und jeden zum Objekt einer gnadenlosen Spaßkultur macht, sind nicht nur billiger, sondern auch treffgenauer als Wahlwerbespots, bei deren Ankündigung das Gros des Publikums ohnehin wegschaltet.“ S. 118) Die Amerikanisierung des Wahlkampfs (Personalisierung zu Lasten der Sachthemen, Angriffswahlkampf durch symbolische Destruktion des Gegners, gezieltes Themen- und Ereignismanagement, Marketingansatz der politischen Werbung) wurde - so der Autor - zuletzt von den Sozialdemokraten und ihrem „mediengewandten“ Spitzenkandidaten Gerhard Schröder am weitesten vorangetrieben und in der Choreographie des Parteitages von Leipzig perfektioniert.

Dörner analysiert treffend, wie sich politische Kultur und Werbung in der Erlebnisgesellschaft verändert haben. Doch der für den Leser überraschende Schluss des Forschers: Es ist alles nicht so schlimm. Politische Akteure müssten sich eben „auf stark veränderte Kommunikations- und Vermittlungsbedingungen einstellen“ (S. 244). Der Autor verwahrt sich aber gegen „apokalyptische Verfallsszenarien“, die er in der Kritik der Frankfurter Schule an der „Unterhaltungsindustrie“ ebenso ortet wie etwa in Richard Sennets Warnungen vor dem Verlust des Öffentlichen („Tyrannei der Intimität“). Vielmehr sieht er im Politainment Momente der Inklusion (auch unterhaltungsorientierte Mediennutzer werden einbezogen) sowie Chancen auf politische Stabilisierung (Politik im Modus des „Feel Good“ erzeuge Systemvertrauen, die Welt werde als „machbar“ vermittelt, in Unterhaltungsserien Moralität, Engagementbereitschaft und Zivilcourage propagiert und die Vielfalt der Lebensstile und Interessen, Multikulturalität, Einsatz für die Schwachen u.a.m. dargestellt). Ein Befund, der - ohne Zwangspessimismus verbreiten zu wollen - freilich seinerseits der kritischen Analyse bedarf. H. H.

Dörner, Andreas: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001.256 S.; DM 21,90 / sFr 20,60 / öS 160,- (edition suhrkamp; 2203)