Nils C. Kumkar

Polarisierung. Über die Ordnung der Politik

Ausgabe: 2026 | 2
Polarisierung. Über die Ordnung der Politik

In einer Zeit und in einer Welt, die aufgrund ihrer multiplen Krisen als hochgradig komplex charakterisiert wird, scheint Komplexitätsreduktion eine wünschenswerte, ja geradezu notwendige Strategie zur Aufrechterhaltung von kognitiver Orientierung und sozialer Ordnung zu sein. Die vermeintliche oder tatsächliche Überforderung im Prozess der Meinungsbildung und Einstellungsstabilisierung ergibt sich dabei nicht allein aus der Vielzahl an Krisen und Problemen, sondern auch aus der hohen Geschwindigkeit ihrer Veränderungen und Verschärfungen. Der Annahme, wir würden in einer „Exponentialgesellschaft“ (Deutschmann 2025) leben, kann insofern eine gewisse Plausibilität zugesprochen werden.

In seinem Buch „Polarisierung“ analysiert Nils C. Kumkar diese Komplexitätsreduktion als bipolares kommunikatives Ordnungsmuster, das der Funktionslogik gegenwärtiger repräsentativ-demokratischer Gesellschaften entspricht. Mit dieser Beobachtung geht eine wichtige Differenzierung einher, die sich als roter Faden durch das Buch zieht: Kumkar betont immer wieder, dass sich nicht Einstellungen oder Haltungen polarisieren würden, sondern die Kommunikation über diese Einstellungen und Haltungen: „Wenn Menschen im Alltag, in der Politik, in den sozialen oder in den Massenmedien meinen, Polarisierung zu beobachten, dann beobachten sie nicht die Einstellungen der anderen, sondern was geredet und getan wird beziehungsweise vor allem, wie es geredet und getan wird“ (S. 59).

Kumkar ist es wichtig darzulegen, dass die Rede von der gespaltenen Gesellschaft empirisch nicht stichhaltig ist. Das Buch behandelt somit keine Gesellschaftsdiagnose; es richtet seinen Blick vielmehr auf die politischen und medialen Diskursstrategien der Zuspitzung, um zugehörigkeitsstiftende Inklusion beziehungsweise ausgrenzende Exklusion zu erreichen. 

Die Struktur des Buches folgt einer mehrfachen Kontextualisierung der kommunikativen Polarisierung. Es beginnt mit „Auf Polarisierung können wir uns einigen“ über „Polarisierung schafft Übersicht“, „Polarisierung lädt zum Mitmachen ein“, „Polarisierung sells“, und schließt vor dem Fazit mit „Polarisierung im Leerlauf“. In dieser Struktur ist der Pfad von „wünschenswerter“ in Richtung „notwendiger“ Komplexitätsreduktion angelegt. Tatsächlich geht Kumkar von dieser Eigenschaft kommunikativer Polarisierung aus: „Kommunikative Polarisierung ist […] nicht nur wahrscheinlich, sondern geradezu Bedingung der Möglichkeit, thematische Debatten zu stabilisieren“ (S. 113).         

Aus der Gemengelage von zunehmenden

und sich verschärfenden Krisen, einer medialen Infrastruktur, deren Wert sich nach Reaktionsschnelligkeit und Gefolgschaft bemisst, und einer wachsenden Verunsicherung gesellschaftlicher und politischer Zukunftsfähigkeit, mag Kumkars Schlussfolgerung theoretisch schlüssig und empirisch kohärent sein. Insbesondere die analytische Differenzierung von Einstellung und Diskurs ist in der Frage der Bewertung gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse überaus hilfreich, da sie einen Beitrag zur Versachlichung der Debatten über Spaltungs- oder Polarisierungsfragen leistet.

Wenigstens zwei Fragen bleiben bei mir nach der Lektüre des Buches noch offen. Erstens: Warum reduziert Kumkar die Vorstellung von Polarität auf den bipolaren Fall? Während die heutigen geopolitischen Verhältnisse als multipolar beschrieben werden, die Folgen der Klimakrise sich mehrdimensional auswirken, und auch politische Handlungsalternativen nicht im Entweder-oder-Schema verharren, ist es nicht ganz nachvollziehbar, warum das kommunikative Ordnungsmuster zwingend zweipolig angelegt ist. Damit werden Ambivalenzen, Vagheiten und räumlich-zeitliche Varianzen weitgehend ausgeblendet, für die es jedoch ebenso empirische Nachweise gibt.

Zweitens: Warum wird das heutige Komplexitätsniveau gesellschaftlicher Probleme als im Prinzip unvergleichlich hoch eingestuft? Hier wäre eine historische und geographische Einordnung der Komplexitätsfrage angebracht. Denn auch in der Vergangenheit – ob in der Antike, im Mittelalter oder im 20. Jahrhundert, um nur drei Zeitepochen zu nennen – und regional unterschiedlich standen Gesellschaften vor großen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Gewiss haben sich mit der ökonomischen, politischen und kulturellen Globalisierung in der (Spät-)Moderne die Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Problemlagen verändert – gleichzeitig sind aber auch mit der ubiquitären Digitalisierung und der Ausdifferenzierung der multimedialen Infrastrukturen die gesellschaftlichen Verarbeitungskapazitäten gestiegen.

Nichtsdestotrotz liegt Kumkars Verdienst darin, aufzuzeigen, dass diese Kapazitätspotenziale nicht zu einer pluralistischen, Diversität fördernden Kommunikationskultur, sondern zu einer Verengung auf polarisierte und polarisierende Diskursmuster geführt haben.