Nach den „50 Vorschlägen für eine gerechtere Welt“, 2006 erschienenen, von der Kritik hoch gelobt und breit rezipiert [das Buch liegt bereits in 6. Aufl. vor] geht Christian Felber nunmehr der Frage nach, woran die Umsetzung dieser gerechtern Welt (bisher?) scheitert. Gleich eingangs macht er vor allem „das Gewinninteresse mächtiger Konzerne“ als zentrales Hindernis aus, dem die Politik willfährig diene. Wer nun erwartet, dass der Autor, die ideologische Keule schwingend, über mehr als 300 Seiten sich an übermächtigen Gegnern abarbeitet, wird aufs Angenehmste überrascht. Was Christian Felber in diesem Buch bietet, ist eine brillante, von leidenschaftlicher Sachlichkeit geprägte Dekonstruktion der Werte des Kapitalismus. Doch damit nicht genug: Der darauf aufbauende Entwurf einer Gemeinschaftsökonomie vermisst die Konturen einer nicht nur möglichen, sondern auch  machbaren  gerechteren Welt mit einem Mehr an Selbstbestimmung und Solidarität.

 

Doch vorab zur Ausgangslage: Freiheit und Glück, die zentralen Versprechen des Kapitalismus, werden nicht eingelöst. Die von ihm propagierten und praktizierten Tugenden, so der Autor, sind Leistung, Konkurrenz, Effizienz, Gewinn und Wachstum. Werte also, die unseren demokratischen und humanistischen Grundwerten Freiheit (Selbstbestimmung), Gleichheit (Gerechtigkeit) und Brüderlichkeit (Solidarität) widersprechen und die gesellschaftlichen Fundamente wie Verantwortung, Vertrauen und Mitgefühl zerstören. Freiheit, das größte Versprechen aller Utopien, kommt im Kapitalismus neoliberaler Ausprägung nur den Wohlhabenden zu, diagnostiziert Felber, und wählt zur Erläuterung des so genannten „Trickle-down-Effekts“ die einem Berater Ronals Reagans zugeschriebene „Pferdeäpfeltheorie“: Demnach würden Spatzen auch noch in den Exkrementen der Vierbeiner Hafer finden. Dass hingegen die „Wohlgenährten“ immer kräftiger werden, macht Felber mit dem Hinweis auf das Prinzip des „sinkenden Aneignungswiderstandes“ deutlich, wonach die erste Million zwar schwer zu verdienen ist, die weiteren aber immer leichter hinzukommen. Sein Gegenvorschlag: 10 Mio. Euro an Privateigentum sind genug, und Einkommen sollten nicht mehr als um das 20fache auseinander liegen!). Stress, Zeitnotstand, mangelnde Mitbestimmung  und auch das schale Versprechen der „Konsumfreiheit“ („das neue Volksopium“) – sie alle stünden dem Versprechen auf Freiheit (als Selbstbestimmung) entgegen. An „akutem Autismus“ leidend, zehre der Kapitalismus zudem auch das globale ökologische Kapital auf. Zusammen gesehen, alle andere als eine Erfolgsbilanz!

 

Sachlich, pointiert und ausgestattet mit einer erstaunlichen Fülle von Referenzen, enttarnt der Autor in den folgenden Kapiteln weitere „Ikonen“ des Wettbewerbs neoliberaler Prägung: Erfolg – so die Befunde in Kürze - wird gleichgesetzt mit Gewinnmaximierung, das Streben nach Eigennutz schwächt den (sinnvollen) Wettbewerb zugunsten des Gemeinwohls. Wettbewerb ist nicht Bedingung für Leistung, Effizienz und Innovation, sondern steht ihnen entgegen. Achtung, Anerkennung und Kooperation motivieren mehr als Konkurrenz. Leistung ist im gegenwärtigen System vor allem auf die Erzeugung eines „Geldwert-Warenberg-Unwohlstandes“ zugeschnitten, während gesellschaftlich maßgelbliche Tätigkeiten (Familienarbeit, Eigenarbeit, Pflege, Sozial- und Kulturarbeit) als minderwertige Leistung angesehen (und schlecht[er] bis gar nicht entlohnt würden. [Felber tritt dafür ein, Vermögen stärker als Arbeit zu besteuern und begründet dies mit einem geradezu ungeheuerlichen Beleg dafür, dass Einkommen und Leistung vielfach nichts mit einander zu tun haben: Mit einem Stundenlohn von 700.000 USD kassieren die heute bestbezahlten Hedge-Fonds-Manager mehr als das 135.000-fache einer Mindestlohnbezieherin, die mit 5,15 USD abgespeist wird (S. 150). Wettbewerbsfähigkeit, ein weiterer Leitbegriff, mag für konkurrierende Unternehmen Sinn machen, nicht aber für Staaten. Mit der Verfolgung des Ziels nationaler Standortsicherung werde der „Standort Erde“ zum Verlierer. Das Lissabon-Ziel der EU bezeichnet Felber überspitzt, aber in letzter Konsequenz auch diskussionswürdig als friedensgefährdend (S. 172). Auch die Chancengleichheit  sieht der Autor als Mythos und Konstrukt an, um den „ männlichen Konkurrenzkapitalismus zu legitimieren“. Verwirklicht würde sie nur, wenn Erwerbs- und Lebenssphären für Alle besser mit einander in Einklang gebracht und auch im globalen Maßstab eine ökologische Gerechtigkeit verwirklicht würde. Und wie steht es um die viel gepriesene und permanent strapazierte Eigenverantwortung? Dahinter verbirgt sich, so Felber, ein „Dauerfeuer von Imperativen“, das uns auffordert, uns bestimmte Fähigkeiten und Qualitäten anzueignen, fast schon bestimmte Charakterzüge anzunehmen“ (S. 197). Dass dies im Klartext nicht Freiheit, sondern Unterwerfung bedeutet, ist eine der vielen scharfsichtigen und treffenden Beobachtungen, die den Autor und diesen Titel kennzeichnen. Dazu zählen aber auch kritische Anmerkungen zur viel beschworenen Macht der KonsumentenInnen, die der Autor mit der „Freiheit des Vogels im Käfig“ vergleicht. Selbst unter der Annahme, dass sie gut informiert und kaufkräftig sind, würden aufgeklärte und ethisch motivierte BürgerInnen sich doch nur am „reichlichen Buffet“ mit Bedacht bedienen, ohne aber auf die dahinter liegenden Strukturen Einfluss nehmen zu können (eine These, die wohl nicht ungeteilte Zustimmung finden wird). Dass schließlich auch die soziale Verantwortung in einem System zu kurz kommt, das es Unternehmen erlaubt, „der Gewinnmaximierung zu frönen, die Menschenwürde zu untergraben und das Gemeinwohl außer Acht zu lassen“ (S. 222), ist hingegen wohl schwer zu entkräften.

 

Um hier gegenzusteuern plädiert Felber für die Entwicklung und Umsetzung verbindlicher Standards (und hegt massiven Zweifel an der Wirksamkeit von freiwilligen CSR-Maßnahmen oder „Global Compact“-Vereinbarungen). Wo „soziale Verantwortung“ zu einem „Tool“ zur Steigerung von Gewinnen verzweckt wird, „ist sie tot“. Anders formuliert: „Strategische Menschlichkeit ist das Ende der Menschlichkeit.“. (S. 237)

 

An Stelle des „heillosen Gegeneinander“, das auf die destruktive „Funktionslogik  neoliberalen Wirtschaftens zurückgeführt wird, wird für eine Gesellschaft geworben, die Konkurrenz durch Kooperation und (Natur-)Zerstörung durch Verbundenheit ersetzt. Empathie und Mitgefühl wären nicht nur „eine wirksame Sozialversicherung“ (S. 251), sondern Grundlage für eine (Welt)Gesellschaft, die sich folgende Ziele zu Eigen macht (S. 261ff.): Eine Form des Wirtschaftens und der Bedürfnisbefriedigung ohne Wachstumszwang; ökonomische Freiheit, die nicht auf Kosten anderer geht; Unternehmen, die nicht dem Gewinn, sondern der Gemeinwohl verpflichtet sind; freiwillige Formen der (wirtschaftlichen) Kooperation, die Menschen motivieren; Nähe und Vielfalt vor Distanz und Vereinheitlichung; ökologische Verantwortung; konsequente Umsetzung von Eigenverantwortung (= Durchsetzung des Verursacherprinzips); Förderung von Gemeinschaftseigentum – das sind einige der Leitplanken auf dem Weg zu dem vom Autor abschließend beworbenen Modell der „Modernen Allmende“: In allen öffentlichen Unternehmen sollten – einem 4-blättrigen Kleeblatt vergleichbar – Beschäftigte, NutzerInnen, VertreterInnen der öffentlichen Hand und ein Gender-Gremium ein demokratisch legitimiertes Leitungsgremium bilden. Re-Politisierung und Mitbestimmung wären die Folge.

 

Wo mündige BürgerInnen diese Ziele zum Teil schon leben und einfordern und der Staat sie fördert, sind Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität vielleicht weniger fern, als dies gegenwärtig erscheint. Auch wenn zentrale Fragen – Wie etwa soll ein global gerechter Ausgleich auf Basis einer regional ausgerichteten Ökonomie realisiert werden? – an dieser Stelle offen bleiben: Mit diesem Buch hat Christian Felber einen nicht zu übersehenden Wegweiser in Richtung einer gerechteren und vor allem lebenswerteren Welt vorgelegt. Am besten Sie überzeugen sich selbst. W. Sp.

 

Felber, Christian: Neue Werte für die Wirtschaft. Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus. Wien: Deuticke, 2008. 333 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], 34,80 sFr

 

ISBN 978-3-552-06072-2