Die "letzte industrielle Revolution" steht uns in Form der Nanotechnologie bevor. Gemeint ist damit jene Kunst, Bauteile der Natur im Maßstab des millionsten Teils eines Millimeters nach Belieben zu arrangieren. Um die Größenordnung zu verdeutlichen: das Kohlenstoffatom bringt es auf einen Durchmesser von 0,15 Nanometer, Wasserstoff auf 0,075 Nanometer, der mittlere Durchmesser der Atome, die lebende Zellen zusammensetzen, beträgt 0,12 Nanometer. Möglich geworden ist diese Technik durch das Raster-Tunnel-Mikroskop. Die Fortschritte und Visionen bei der Beherrschung kleinster Strukturen hat der Wissenschaftsjournalist Mathias Schulenburg aus der mittlerweile umfangreichen Fachliteratur und anhand von Interviews mit den maßgeblichen Vertretern der Nanotechnologie zusammengetragen.

Berichtet wird beispielsweise von der Möglichkeit, mittels Nanoelektronik die gesamte Weltliteratur auf einem Quadratzentimeter oder alle Filme der Welt auf der Oberfläche einer Telefonkarte unterzubringen. Andere Beispiele aus der Nanotechnik der Werkstoffechemie sind etwa Beschichtungsverfahren, die wirkungsvoll Aluminium vor Korrosion schützen. Doch damit nicht genug: Man denkt und arbeitet auch daran, die Natur zu imitieren. So wie aus einem winzigen Samenkorn etwa ein Baum wächst, sollen selbstvermehrungsfähige Roboter, kleiner als Bakterien und von einem Nanocomputer gesteuert, beliebige Dinge - vom Taschenmesser bis zum Automobil- in Nährlösungen heranreifen lassen.

Neben bereits realisierten industriellen Anwendungen in elektronischen Bauelementen, "die durch Atomlagenbeschichtung von Substraten wie Galliumarsenid realisiert wurden" und in Satellitenantennen verwendet werden, geht der Autor auch auf skurrile Begebenheiten wie den "verschwundenen Kopf der Dora Kent" (der Körper soll später mittels virtueller Zellreparaturmaschinen rekonstruiert werden) ein. Erzählt wird auch von W. Heckl, der antike Geräusche mit der Nadel eines Raster-Tunnel-Mikroskops rekonstruieren will. Bei aller Begeisterung für die Nanotechnologie wird sie, so Schulenburgs Resümee, für die Menschen nicht durchschaubar sein.

A.A.

Schulenburg, Mathias: Nanotechnologie. Die letzte industrielle Revolution. Frankfurt/M. (u. a.): Insel-Verl., 1995. 241S., DM/sFr44,-/öS 343,