Aaron Bastani

Fully Automated Luxury Communism

Ausgabe: 2020 | 1

Aaron Bastani, Autor des Guardian, der New York Times und der London Review of Books, mit einem Doktorat der University of London, sieht die Geschichte der Menschheit geprägt von drei „Disruptions“, die die Entwicklung jeweils dramatisch veränderten. Zuerst kam es durch die Entwicklung der Landwirtschaft und des Sesshaftwerdens der Menschen zu einer wesentlichen Verbesserung der Ernährungslage. Der Überschuss der Produktion ermöglichte eine Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft.

Als zweiten Bruch sieht er die Entwicklung der Energienutzung mit der Dampfmaschine und der darauf basierenden industriellen Möglichkeiten. Erneut wurde eine dramatische Ausweitung der Produktion möglich. Durch Konkurrenz erzwang die Industrialisierung unter kapitalistischen Vorzeichen die permanente Steigerung der Produktivität, den fortschreitenden Ersatz von menschlicher Arbeit durch Technologien. Diese Entwicklung der Technologien führten zum dritten Bruch.

Für Bastani findet dieser jetzt statt. Der Bruch zeigt sich einerseits in der Form der Krise. Wirtschaftlich, sozial und ökologisch zeigen sich Probleme. Rezessionen, Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Klimakrise bestimmen unser Gegenwartsbild. Simultan wird sichtbar, dass technische Möglichkeiten entstehen, die Welt von Engpässen, Knappheiten und Versorgungsproblemen zu befreien.

Bastani sieht die Chance, dass Energieknappheit überwunden wird. Immer klügere Maschinen mit immer nachhaltigerem Energiebedarf und -produktion könnten unsere Zukunft bestimmen. „While we are accustomed to thinking of work as necessary and energy as scarce resource, there is literally nothing on our planet so plentiful as the power of our sun. In the span of just ninety minutes enough potential solar energy hits the earth’s surface to meet present demand for an entire year.“ (S. 38) Die Kosten der Photovoltaik sinken rapide, die Nutzung wird immer leichter zu finanzieren. Auch materielle Ressourcen sind nicht knapp: Die Reserven an Mineralien, die wir auf Asteroiden bereits jetzt bestimmen können, könnten bald genutzt werden. Ihr Ausmaß sei überwältigend.

Aber nicht nur Materialien und Energie seien im Übermaß vorhanden. Auch Information gebe es immer mehr. Information wird dank neuer Technologien immer besser speicherbar und zugänglich. In der Computertechnologie erleben wir exponentielles Wachstum der Möglichkeiten. Bastani zitiert den Management-Forscher Peter Drucker, der schon 1993 schrieb, „that knowledge has become the resource rather than a resource, (...) what makes our society post-capitalist, (...) it creates new social dynamics. It creates new economic dynamics. It creates new politics.“ (S. 59) Warum eigentlich? Die wichtigste Bedingung für ökonomische Effizienz sei heute, dass der Preis eines Produkts dessen Grenzkosten (Kosten für die Produktion einer zusätzlichen Einheit) entspricht. Für Produkte, die die Form von Information haben, geht der Preis für die Produktion der nächsten Einheit aber in Richtung Null. Nun erleben wir aber, dass immer mehr Produkte diese Form annehmen. Zuerst wurde dies sichtbar in der Musikindustrie, dann im Zeitungswesen, im Buchwesen und so weiter. Bastani macht aber auch klar: Das Wertvollste an Maschinen, die selbst aus der Massenproduktion kommen, ist heute das Wissen über ihre Anwendung, sei es in der Form von Handbüchern oder in der Form der Steuerungssoftware. Die Ökonomie war bislang damit beschäftigt, knappe Güter zu produzieren und zu handeln. Immer größere Teile der Umstände, die unsere Leben besser machen können, sind damit heute aber nicht mehr knapp, weil wir sie um so gut wie keine Kosten kopieren können. Für Bastani wird hier klar, dass Kapitalismus nicht die richtige Wirtschaftsform ist, mit den sich abzeichnenden Möglichkeiten umzugehen. Die Krisen seien ein Zeichen dafür: „Capitalism at least as we know it, is about to end. What matters is what comes next.“ (S. 23)

Was aber dann? Bastani wirbt für „Fully Automated Luxury Communism”. Das klingt utopisch, zumindest die ersten Zwischenschritte dorthin nimmt er aber aus der Praxis. Er redet über Dekarbonisierung der Produktion, regionale Wirtschaftsprojekte wie das in der englischen Stadt Preston, und über Basisversorgung (Universal Basic Services). Beim letztgenannten Punkt führt er ein wichtiges Argument an. Für ihn ist es wichtiger, Grundservices anzubieten (z. B. freien öffentlichen Transport und freie Gesundheitsversorgung usw.) als Grundeinkommen auszuzahlen. Das wäre auch ein klarer Bruch mit dem Status quo. Und es ginge darum, diese Grundservices immer wieder auszudehnen.