Es ist eine schöne neue Welt, die uns der Arzt und Molekularbiologe Daniel Cohen für die nicht allzu ferne Zukunft prophezeit. Die menschliche Erbsubstanz, lokalisiert in der DNA, wird nach und nach ihre Geheimnisse preisgeben, Genuntersuchungen bei Ungeborenen werden bald allgemein üblich sein, und jedes Neugeborene wird seine individuelle genetische Kennkarte in die Wiege gelegt bekommen. Erbkrankheiten - zu ihnen zählt der Autor u. a. auch Krebs, Allergien und Psychosen - werden die Menschheit kaum mehr belasten, denn Mütter werden Embryos mit defekten Genen schon in frühen Stadien der Schwangerschaft abtreiben. Ein paar Jahre oder Jahrzehnte später wird es dann gelingen, die defekte DNA durch den Austausch von Genen zu reparieren. Als langfristiges Ziel könnte die Genforschung einen Evolutionsschub der gesamten menschlichen Spezies anpeilen - eine Vision, die der Autor mit geradezu euphorischem Überschwang ausmalt.

Für Alpträume von Mensch-Tier-Chimären, geklonten Zombies und dergleichen ist in diesem Szenario kein Platz. Obwohl Cohen die ethischen Probleme, die die Genforschung aufwirft, nicht verschweigt, wischt er sie doch allzu leichtfertig vom Tisch. Einwände von Kritikern werden als irrationale Rückzugsgefechte bagatellisiert, es fehlt nicht an Seitenhieben gegen Grüne und andere "berufsmäßige Angstmacher". Das überrascht freilich nicht, zählt der Autor doch selbst zu den führenden Köpfen bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Doch auch wenn man seinen unerschütterlich optimistischen, mit missionarischem Eifer verfochtenen Fortschrittsglauben nicht teilt, profitiert man als Leser von seiner fachlichen Kompetenz.

Bildkräftig und anschaulich erklärt er, wie die drei Milliarden Basenpaare der menschlichen DNA sequenziert, kartographiert, entschlüsselt und manipuliert werden. Man schaut den Wissenschaftlern in ihren Laboratorien gleichsam über die Schulter. Angesichts der atemberaubenden Fortschritte im Bereich der Genforschung und insbesondere bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist das 1993 im französischen Original erschienene Buch bereits nicht mehr ganz auf dem laufenden. Es bietet indes eine sehr brauchbare populärwissenschaftliche Einführung in dieses Gebiet. Gleichwohl ist gegenüber dem unkritischen Enthusiasmus des Autors skeptische Distanz angebracht.

R. L.

Cohen, Daniel: Die Gene der Hoffnung. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der Fortschritt in der Medizin. München (u.a.): Piper, 1995. 372S., DM/sFr48,-/öS374,50