Der Geograph und Nachhaltigkeitsexperte Hans Holzinger arbeitet seit 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen und ist Autor zahlreicher Bücher. Nachfolgend bespricht er pointiert vier ausgewählte Publikationen zum Thema Nachhaltigkeit. 

Das gute Leben für alle

Das I.L.A.-Kollektiv besteht aus 35 jungen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, die wissenschaftliche Praxis mit politischen Aktivitäten verknüpfen. Das Kürzel steht für „Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen“. Und darum geht es auch in dem Band „Das gute Leben für alle“. Die nächsten Jahre seien entscheidend, so das I.L.A-Kollektiv: „Es gilt Lebens- und Wirtschaftsweisen auszuprobieren, die nicht auf Kosten anderer Menschen und der Natur in Gegenwart und Zukunft gehen.“ (S 7) Und weiter: „Wir sind sicher, dass es auch anders geht und überzeugt, dass die globale Gemeinschaft das Zusammenleben auf diesem Planeten besser organisieren kann.“ (ebd.).

Unter Bezugnahme auf den von Markus Wissen und Ulrich Brad geprägten Begriff der „Imperialen Lebensweise“ werden Alternativen aufgezeigt, mit Beispielen untermauert und politische Rahmenbedingungen hierfür erörtert. Es geht um Neuansätze im Bereich der Daseinsvorsorge („Für alle gesorgt“, S. 25ff), der Ernährung und Landwirtschaft („Wie wir eine solidarische Zukunft säen können“, S. 31ff), der Mobilität („Kurze Wege zum Ziel“, S. 38), des Wohnens („Endlich Raum für alle“, S. 44), der Gebrauchsgüter („Solidarisch produzieren, solidarisch nutzen“, S. 50ff) sowie der Energie („Mehr als Strom aus der Steckdose“, S. 61ff).

Neben den beschriebenen Beispielen reflektieren die Autor*innen auch politische Strategien, also „Allianzen für die Transformation“ (S. 80ff) sowie Notwendigkeiten eines kulturellen Wandels („Geschichte schreiben“, S. 90 ff). Vorgestellt werden etwa Initiativen, die sich kritisch mit Werbung auseinandersetzten, sowie erste werbefreie Kommunen. Denn es sei an der Zeit eine neue Geschichte zu schreiben: „Die Geschichte eines guten Lebens für Alle“ (S. 11) Im Kapitel „Institutionen“ werden hierfür neue Rahmensetzungen gefordert wie Wirtschaftsdemokratie, Genossenschaften, Rätesysteme sowie neue Wohlstandsmessungen - am Beispiel der Donut-Ökonomie von Kate Raworth.

Ein kluger und ansprechend illustrierter Band, der einmal mehr zeigt, dass es bereits zahlreiche Neuansätze gibt. Entscheidend wird sein – das thematisiert auch das I.L.A.-Kollektiv – wie diese die Nischen verlassen und zu breiten Bewegungen werden können. Einen zentralen Hebel sieht der Text in der Neugestaltung der Erwerbsarbeit sowie der Abkehr vom Konsumdenken.

Das gute Leben für alle. Wege in eine solidarische Lebensweise. Hrsg. v. I.L.A.-Kollektiv. München: oekom, 2019. 123 S. 

 

Smarte Grüne Welt?

Der Stromverbrauch aller Informations- und Kommunikationstechnologien beläuft sich bereits heute auf rund 10 Prozent der weltweiten Stromnachfrage. Diese und viele weitere Zahlen bringen Steffen Lange und Tilman Santarius in ihrem Buch „Smarte grüne Welt?“. Unsere PCs, Tablets und Smartphones werden zwar immer kleiner, aber zugleich immer leistungsfähiger. Für die beiden Experten ein klassisches Beispiel für den Rebound-Effekt. In ihrem Buch hinterfragen sie kritisch die Versprechungen, dass wir mit der Digitalisierung die Umwelt retten können. Von der fragwürdigen Ökobilanz des -e-Books über die Umweltkosten von E-Commerce und Lieferdiensten bis hin zur Ambivalenz „smarter Mobilität“ und selbstfahrenden Autos – die Beispiele geben zu denken. Und auch vor den sozialen Verwerfungen durch die Digitalisierung warnt das Buch: Zunahme der Ungleichheit, Polarisierung der Arbeitsmärkte, Monopolisierung und Machtkonzentration – so einige der benannten Trends.

Doch eine zukunftsfähige Digitalisierung ist für die Experten durchaus möglich. Neben dem 100 Prozent-Umstieg auf erneuerbare Energieträger und der Wiederverwertung der hochwertigen Rohstoffe in den Elektronik Altgeräten gehe es um drei Dinge: Wichtig sei „digitale Suffizienz“ (S. 151ff) als Einsatz smarter Technologien nur dort wo es Sinn macht, etwa zur Koordinierung des öffentlichen Verkehrs – selbstfahrende Autos lehnen die Autoren ebenso ab wie das vollautomatisierte Wohneldorado; zweitens müsse Datenschutz konsequent umgesetzt werden und drittens müsse Digitalisierung am Gemeinwohl orientiert werden, was nicht nur Netzneutralität (alle Anbieter müssten gleiche Bedingungen vorfinden, Monopole zerschlagen werden), sondern die Etablierung digitaler Angebote als „Commons“ erfordere. Open Source-Produkte sowie kooperative Plattformen müssten demnach wichtiger werden als die kommerziellen Angebote.

Ein sehr informativer Band mit umfangreichen Fakten zur Nicht-Nachhaltigkeit der gegenwärtigen Digitalisierung, der jedoch die Chancen dieser neuen Technologien ebenso benennt. 

Lange, Steffen; Santarius, Tilmann: Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. München: oekom, 2018. 263 S.

 

Der blinde Fleck der Digitalisierung

Eine Google-Suche des Begriffs „Digitalisierung“ wirft nach einer knappen Sekunde 8,3 Millionen Ergebnisse aus. Damit beginnen Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler ihr Buch „Der blinde Fleck der Digitalisierung“. In der Studie für die Robert-Bosch-Stiftung und den WWF Deutschland zeigen die beiden Autoren die Ambivalenzen der Digitalisierung im Kontext von Nachhaltigkeit auf. Oder wie es Rammler in der Einleitung formuliert: „Wir wissen in Wirklichkeit sehr wenig, erwarten sehr viel und befürchten zu wenig. Und mitunter erwarten wir an der einen Stelle zu wenig und befürchten an einer anderen zu viel.“ (S. 14) Frühere Zivilisationen seien regional begrenzt gewesen, die heutige Zivilisation sei global, was durch die Digitalisierung weiter verschärft werde: „Wenn diese Gesellschaft scheitert, dann scheitert sie global und deswegen womöglich auch total“ (S. 20). Die Digitalisierungseuphorie in Wirtschaft und Politik blende die ökologischen Schattenseiten unserer smarten Digitalwelt meist aus, so die Autoren. So trage der Energiebedarf der „Serverfarmen“ bereits so viel zum weltweiten Kohlendioxidausstoß bei wie der gesamte Flugverkehr (S. 23).

Die Studie definiert zunächst die Begriffe „Digitalisierung“ und „Nachhaltigkeit“,  beleuchtet in der Folge die ökologischen „blinden“ Flecken der Digitalisierung, die Nachhaltigkeitsdefizite auf der Ebene der Wirtschaft, etwa im Kontext von Güterketten, geplanter Obsoleszenz und Recycling, sowie der Politik, etwa im Bereich der Veränderung bzw. Erosion von Demokratie und Kritikfähigkeit. Soziale Problemlagen werden u.a. im Umgang mit den digitalen Medien, etwa Suchtverhalten, sowie der weiteren Steigerung der Konsumfixierung durch E-Commerce gesehen. Ein eigener Abschnitt thematisiert die vielen Reboundeffekte der aktuellen Durchdringung mit digitalen Angeboten, beispielsweise durch digitales Fernsehen, Streamingdienste sowie die weitere Beschleunigung und Verdichtung von Aktivitäten.

Anders als reine Technikforschung könne die Sozialwissenschaft die Einwirkung neuer Technologien auf die Gesellschaft erforschen und zugleich mögliche Strategien skizzieren, wie Technikentwicklung durch politische Gestaltung gesteuert werden könne, sind die Autoren überzeugt. In diesem Sinne schließt die aus einer Analyse von Sekundärliteratur sowie einer Delphi-Befragung gespeiste Studie mit Handlungsempfehlungen für private Anwender*innen, Politik und Wirtschaft. Als vordringliche Maßnahmen schlagen die Autoren zwei Dinge vor: die Gründung eines unabhängigen, transdisziplinären „Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der digitalen Welt“ analog des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in den 1970er Jahren in Starnberg; zweitens die Einrichtung einer „Agora Digitalisierung“, in der wissenschaftliche Grundlagenfragen mit ökonomischen und politischen Anwendungsfragen verknüpft werden.

Ein lesenswerter Band mit praktischen Vorschlägen, der in der Tat „blinde Flecken“ ausleuchtet. 

Sühlmann-Fual, Felix; Rammler, Stephan: Der blinde Fleck der Digitalisierung. Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen lassen. München: oekom, 2018. 229 S.

 

Autonome Flotten?

Auch wenn die deutsche Automobilindustrie und ein großer Teil der Politik am Individualfahrzeug festhalten wollen, sei dies keine Zukunftslösung, so die Verkehrsexperten Weert Canzler, Andreas Knie und Lisa Ruhrort vom Wissenschaftszentrum Berlin. Denn die Mobilitätswende erfordert mehr als eine Antriebswende, also den Umstieg von Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren. Urbane Mobilität erfordere in Zukunft integrierte Lösungen, die auf die Vielfalt von Mobilitätsangeboten setzt: von dichten Fahrplänen des Öffentlichen Verkehrs über Rad- und Autoverleihsysteme bis hin zu neuen Zubringerdiensten. Hier setzten die ExpertInnen in ihrem Buch „Autonome Flotten“ auf selbstfahrende Shuttle-Dienste mit separaten Fahrspuren. Ihre Hoffnung: Um den Flächenanspruch des Individualverkehrs in den Städten zurückzudrängen, sollen „On-Demand-Verkehre, automatisierte Shuttles und perspektivisch autonome Fahrzeugflotten ein sogenannter Game Changer werden“ und die „Verkehrslandschaft grundlegend verändern“ (146).

Die Zurückdrängung des Individualverkehrs muss im Zentrum jeder urbanen Mobilitätsstrategie sein - das Deutsche Umweltbundesamt fordert in diesem Sinne die Reduktion der Autodichte von heute 7-800 Fahrzeugen pro tausend EinwohnerInnen auf maximal 150 (!). Ob autonome Fahrzeuge, die eine sehr hohe Datendichte erfordern, hierfür nötig sind, bleibt freilich dahingestellt. Möglicherweise lässt sich die Verkehrswende kostengünstiger durch den Ausbau der Fahrradlogistik, die Zurückdrängung von Autofahr- und Parkflächen und ein modernes, digital vernetztes ÖV-System erreichen? 

Canzler, Weert; Knie, Andreas; Ruhrort, Lisa: Autonome Flotten. Mehr Mobilität mit weniger Fahrzeugen. München: oekom, 2019. 64 S.