Maja Göpel

Unsere Welt neu denken

Ausgabe: 2020 | 3

„Mit unserer Sprache und ihren Begriffen drücken wir aus, was wir erreichen wollen und worauf wir achten. Ein Konzept oder eine Theorie zu entwickeln heißt deshalb auch, Grenzen des Denkens abzustecken.“ (S. 95) Damit bringt Maja Göpel auf den Punkt, worum es ihr in diesem Buch geht. Oder kürzer gesagt: „Ändere die Sicht auf die Welt, und es verändert sich die Welt.“ (S. 49) Gewohnte Denkschablonen verlassen, scheinbar unumstößliche Modelle und Weltsichten hinterfragen, neue Perspektiven eröffnen, Themen aus neuen Blickwinkeln betrachten und – insbesondere – genau hinzuschauen und uns dem Ernst der Lage stellen, so könnte man die Aufforderung der Nachhaltigkeitsforscherin zusammenfassen.

In den zehn Kapiteln des Buches lädt Göpel ein, Dinge anders zu sehen und Erkenntnisse der Wissenschaften transdisziplinär zu nutzen. Das beginnt beim Erkennen des Ernstes der Lage („Die Auszehrung der Natur ist zum Dauerzustand geworden.“, S. 28) sowie unserem Blick auf Fortschritt („Das was wir modernen Fortschritt nennen, ist im Prinzip nichts anderes 

als Ausbreiten und Ausbeuten.“, S. 29), setzt sich fort bei der Absolutierung von Geld und Wachstum unter Ausblendung der ökologischen Schäden bzw. der trügerischen Hoffnung auf mehr Effizienz und grüne Technologien („Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel. Und mehr Wirtschaftswachstum heißt noch mehr Klimawandel.“ (S. 76) und endet schließlich bei grundlegenden Fragen wie Lebensqualität oder Gerechtigkeit („Wenn der Kuchen nicht immer größer werden kann, stellt sich automatisch die Frage, wie er zu verteilen ist.“, S. 161). Der Losung der UN-Nachhaltigkeitsziele „Niemanden zurücklassen“ stellt Göpel im Umkehrschluss entgegen „Niemanden davonziehen lassen“ (S. 175).

Göpel als exzellente Kommunikatorin

Die Autorin, die beim World Future Council und am Wuppertal-Institut beschäftigt war und nun als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen wirkt, ist eine exzellente Kommunikatorin. Sie versteht es, Geschichten zu erzählen, etwa über den CO2-Ausstoß der fünf reichsten Weltbürger oder  die Kurven des Treibhausgasausstoßes. Sie erklärt Forschungsergebnisse wie etwa das „Easterlin-Paradox“ (besagt, dass Menschen ab einem bestimmten Wohlstandsniveau nicht mehr glücklicher werden) oder die Erkenntnis, dass sich materialistische Werte spiegelverkehrt zu sozialen und umweltorientierten Werten verhalten auf spannende Weise; und Göpel zitiert Ökonominnen und Ökonomen, die neue Sichtweisen einbringen, zum Beispiel Mariana Mazzucato: Die Wirtschaftswissenschaftlerin nimmt eine Unterscheidung von Preis und Wert vor, die in der Mainstream-Ökonomie sowie den BIP-Rechnungen gleichgesetzt werden. Wirtschaftlich erfolgreich sei demnach, was in Geldwerten höher bewertet wird, was etwa in Bezug auf die volatilen Finanzmärkte absurd sei (S. 93f).

Neue Begriffe, verblüffende Fakten, Vorschläge und konkrete Initiativen

Göpel verwendet neue Begriffe, wenn sie der „Wertschöpfung“ die „Schadschöpfung“ gegenüberstellt und Verzicht in einem anderen Licht betrachtet: „Ich kann nur auf etwas verzichten, das mir nach Lage der Dinge zusteht. Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit aber gar nicht erst entstehen dürfen.“ (S. 127) Und sie wendet sich mit verblüffenden Fakten direkt an uns als Leserinnen: „Wussten Sie, dass die Hälfte des Kohlendioxids, für das die Menschheit verantwortlich ist, in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen wurde?“ (S. 35). Oder: „Bis 2007 [Basis einer zitierten Studie] erbot die Natur dem Menschen 125 bis 145 Billionen Dollar pro Jahr an Dienstleistungen. Das ist deutlich mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt der Welt.“ (S. 50). Es sei daher infam, bei Umweltschäden von externen Kosten zu sprechen, da diese direkt auf unsere Lebensbedingungen rückwirken. Göpel listet auch Vorschläge auf, was zu tun sei, und wie die Umsteuerung gelingen könnte, etwa durch die Neubewertung von wirtschaftlichem Erfolg, Umsteuern durch Ökosteuern, die Einrichtung von Ökofonds u. a. m. (Im Anhang werden konkrete Initiativen benannt). Zentrales Anliegen ist es allerdings, wachzurütteln: „Weiterzumachen wie bisher ist keine Option, weil es zu radikalen und wenig einladenden Konsequenzen führt. Denn auch wenn wir gar nichts ändern, verändert sich viel – nur nicht zum Guten.“ (S. 184) Jene Ernsthaftigkeit zu vermitteln, muss Aufgabe aller Bildungsanstrengungen und öffentlichen Diskurse zum Thema Nachhaltigkeit sein. Und der Blick ist zu weiten vom „Lernen Einzelner“ hin zum „Lernen ganzer Gesellschaften“. Dies erfordert auch das Verlernen so mancher Sichtweisen und Überzeugungen. Die Coronavirus-Krise könnte jener Anlass sein, der uns unsere Prioritäten neu setzen und den Paradigmenwechsel einleiten lässt.