In der Fülle der Mutmaßungen über den weiteren Weltenlauf dürfte - sofern man den Angaben des Verlages Glauben schenken mag - diesem Titel ein besonderer Stellenwert zukommen. Denn "erstmals setzen sich profunde Naturwissenschaftler mit den alten Prophezeiungen der Seher aus allen Zeiten auseinander". Nicht die wissenschaftliche Reputation des Ehepaars Tollmann, das sich auf dem Gebiet der Geologie und Paläontologie einen Namen gemacht hat, steht demnach zur Debatte, sehr wohl aber die Frage, ob deren Beschäftigung mit den Aussagen jener, die vorgeben, uns zuverlässig die Zukunft zu künden, neue Erkenntnisse aus dem Reich des Esoterischen vermitteln.

Wagt man nach der Lektüre von mehr als 500 Seiten ein zusammenfassendes Urteil, so lautet dieses: Wohl kaum. A. Tollmann - nach dem Tod seiner Frau hauptverantwortlich für den Titel - reiht (Teil 1) die überwiegend kryptischen Aussagen der "sensitiven" Gewährsleute des Kommenden penibel aneinander. Er bewertet zudem die Qualität oder Quellen und stellt auf dieser Grundlage den Ausbruch des Dritten Weltkrieges und den Einschlag eines Kometen bis spätestens Mitte Oktober des kommenden Jahres in Aussicht. Garant des nahenden Infernos ist für Tollmann kein geringerer als Michael Nostradamus (1503-1566), der "an Genialität nur mit Einstein [sic!] vergleichbare Hero[s] der Propheten" (S. 146). Die Gewißheit, dessen in zehn ”Centurien" virtuos verschlüsselte Botschaften gleichsam für bare Münze zu nehmen, gibt dem Autor übrigens B. Bouvier, der vorgibt, des Nostradamus Verse "kompetent übersetzt und entschlüsselt" zu haben [vgl. S.489].

Daß während der Fußball-WM in Frankreich keine Revolution ausgebrochen ist [vgl S. 269], darf indes mit Genugtuung als erste interpretatorische Panne zur Kenntnis genommen werden. Die von Tollmann angeführten "Omina" des nach rund 9.500 Jahren zu Ende gehenden "Weltenjahres" wie etwa das Waldsterben, die "systematische Verhinderung des Gebärens" [S.90); Fremdunterwanderung oder Seuchen tun ein übriges, um die logische Stringenz der Argumentation und die Seriosität eines der Empirie und Logik gleichermaßen verpflichteten Wissenschaftlers zu unterminieren. Dies ist um so bedauerlicher, als der Verfasser im 2. Teil einen über weite Strecken überzeugenden Überblick über Methoden und Eigenarten ”außersinnlicher Wahrnehmung" (u. a. zu Telepathie, Prä-, Retrokognitation sowie zum Wesen der ,,Tier-und Pflanzenseele") gibt die anzuerkennen der etablierten Wissenshaft (noch) schwerfällt. Wenn Tollmann jedoch gleichsam im selben Atemzug auf die "so deutlich sichtbare intelligente und nicht chaotische Lenkung" Gottes zu sprechen kommt (ohne die Befunde der Chaosforschung zu erwähnen) und philosophische Meinungen über die Frage einer "lenkenden Allmacht" getrost meint beiseite lassen zu können, "weil die Philosophen auch im Verlauf von Jahrhunderten es nicht zustande gebracht haben, sich zu einem einheitlichen, allgemein akzeptablen Bild durchzuringen" (S.455), dann setzt er sich letztlich selbst dem Urteil aus, das er verdient.


W Sp.

Tollmann, Alexander u. Elisabeth: Das Weltenjahr geht zur Neige. Mythos und Wahrheit der Prophezeiungen. Wien (u.a.): Böhlau. 1998. 512S., DM 46,- / sFr 42,50/ öS 336,-