Woran krankt die Welt?

Ausgabe: 2001 | 4

Ruediger Dahlke Moderne Mythen gefährden unsere Zukunft„Allein in den beiden Türmen des World Trade Centers leben und arbeiten mehr Menschen als in der ganzen Stadt Salzburg. Anlässlich des Attentats islamistischer Fanatiker auf dieses Mammutgebäude wurde die Zerbrechlichkeit und Gefährdung solcher Massenzusammenballungen offensichtlich“ (S. 42). Diese Sätze beziehen sich auf den Terroranschlag von 1993, der Redaktionsschluss des Buchs lag offensichtlich vor dem 11. September. Die jüngste Geschichte hat dem Autor nicht nur recht gegeben, sondern seine schlimmsten apokalyptischen Visionen übertroffen.

Als Reinkarnationstherapeut und populärwissenschaftlicher Psychosomatiker bekannt geworden, profiliert sich Ruediger Dahlke nun als Zivilisationskritiker und Fortschrittspessimist. Die von ihm angeprangerten Fehlentwicklungen reichen von der Überbevölkerung bis zur Gentechnik, von der Zerstörung des Regenwalds bis zu den multinationalen Konzernen. Er hat ja so recht. Problematisch wird es aber, wenn er vermeintlich bessere Modelle ins Spiel bringt. So beklagt er etwa den Verlust „natürlicher“ Regulationsmechanismen, die in früheren Zeiten eine Bevölkerungsexplosion verhindert hätten. Überhaupt idealisiert er die Natur bzw. das, was er dafür hält, wobei er gelegentlich in einen moralisierenden Ton verfällt. Den Fundamentalisten wirft er vor, dass sie das Heil in der Vergangenheit suchen. Dazu neigt er selber freilich auch. Indem er die „Rückkehr zu alten Werten“ propagiert (S. 270), befindet er sich im Einklang mit einer breiten konservativen Strömung, zu der auch Teile der grünen Bewegung gehören. Wenn Dahlke die Auflösung der vermeintlich heilen Großfamilie beklagt, wenn er Singles als egoistische Fortpflanzungsverweigerer denunziert, ist ihm der Beifall der politischen Rechten sicher.

Bei der Diagnose moderner Missstände werden alte Weisheitslehren von den indischen Veden über Paracelsus bis zu C. G. Jung, aber auch New-Age-Gedankengut wie Rupert Sheldrakes Theorie der morphogenetischen Felder kurz gestreift, aber nicht erklärt, so als könnte ihre allgemeine Bekanntheit vorausgesetzt werden. Ob es erkenntnisfördernd ist, die Welt in eine böse männliche Yang-Hälfte und eine gute weibliche Yin-Hälfte einzutei-len, sei dahingestellt. Vielleicht gewinnt Dahlke damit die Zustimmung des überwiegend weiblichen Esoterikpublikums, das es ihm hoffentlich nicht krumm nimmt, wenn er die Emanzipation der Frau für eine Verarmung der zwischenmenschlichen Beziehungen verantwortlich macht (S. 186).

Angesichts von so viel Übel in der Welt ist Dahlkes Weg zum Heil genial einfach: "Nur wir selbst können beginnen, jetzt und bei uns selbst" (S. 400). Wenn nur eine relativ kleine Zahl von Menschen diesen Weg beschreitet, sollte eine Epidemie des Guten um sich greifen und unsere Erde retten, ist Dahlke überzeugt. R. L.

Bei Amazon kaufenDahlke, Ruediger: Woran krankt die Welt? Moderne Mythen gefährden unsere Zukunft. München: Riemann-Verl., 2001. 300 S., € 23,52 / DM / sFr 46,- / öS 324,-