Unsere gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse unterliegen mit dem Aufkommen der neuen Datenfernübertragungstechnologien offenbar einem grundlegenden Wandel. der wahrscheinlich nicht zu Unrecht mit der Gutenbergschen Revolution verglichen wird. Die Diskussion darüber schwankt zwischen Online-Rausch und Untergangsbefürchtungen und macht so insgesamt das Internet zu einem Mythos unserer Zeit. Der vorliegende Band will entmythologisieren, die pluralen und durchaus widersprüchlichen Optionen noch unklarer Entwicklungen analysieren und so eine unverstellte Bewertung von Chancen und Risiken der Netze ermöglichen. Der MIT-Medienwissenschaftler William Mitchell eröffnet die Überlegungen mit einer überzeugenden Differenzierung von Präsenz und Telepräsenz in je synchronem und asynchronem Modus und prognostiziert gegen mancherlei Aufgeregtheiten, daß es auch künftig diese Kommunikationsweisen nebeneinander geben wird. Vier folgende Beiträge erarbeiten Bausteine einer noch ausstehenden Philosophie der elektronischen Netze: Jay D. Bolter und Mike Sandbothe betonen Hypertextualität und Interaktivität als die größten Innovationen der Cvbertexte, die die Traditionen des Autors und seiner Urheberschaft sowie der Linearität der Argumente auflösen; Sybille Krämer dekonstruiert den Mythos der künstlichen Kommunikation im Netz und seine anthropomorphe Darstellung der technischen Basis; und Stefan Müncker kommentiert kritisch die Entstehung einer virtuellen Gegenwelt im Cyberspace. Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Analyse der Gefährdung traditioneller und der Entstehung neuer Gemeinschaftsformen durch das Netz: Steven Jones erörtert viel genannte soziale Bedenken bezüglich des Internets. Mark Poster neue Formen der Gemeinschaftsbildung und ihre Rolle für die Identität; Alexander Roesler referiert skeptisch die vermeintlichen Innovationen. die das Internet für den demokratischen Prozeß bietet; und ebenso kritisch steht Rudolf Marisch   dem Glauben an eine neue "Öffentlichkeit im Netz" gegenüber. Im dritten Teil des Buchs geht es um die - wohl für die weitere Entwicklung ausschlaggebenden - kommerziellen Aspekte: Saskia Sassen widerspricht der Vision, daß durch die Netze ökonomische Macht breiter verteilt werden würde, Alexandra Vitt erläutert die verschiedenen Möglichkeiten virtueller Zahlungsmittel. Gerhard Schub von Bossiazky das Internet als Medium für den Vertrieb von Waren; Günter Müller schließlich skizziert mögliche Veränderungen der industriellen Infrastruktur durch den Einsatz elektronischer Netze. Im abschließenden Abschnitt werden einige der bereits außerordentlich zahlreichen kulturell-künstlerischen Aktivitäten in den Netzen dargestellt: Eduardo Kac zeigt. wie sich manche Künstler vom traditionellen Werkbegriff entfernen und in Richtung einer ”Netzkunst" vorgehen; Uwe Wirth diskutiert Entwicklungen einer "Literatur im Internet", Geert Lovink und Pit Schult legen ein buntes Spektrum von Kritik im und am Netz vor, und Florian Rötzer geht zuletzt Utopien nach, die vom Cyberspace erhoffen, durch ihn würden in Kunstwelten wie der ”Biosphere" oder gar in der kommenden Besiedlung des Weltraums alle Probleme unserer realen Welt lösbar. W. R.

Mythos Internet. Hrsg. v. Stefan Münker ... Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997. 394 S.