Wann ist ein Mann ein Mann? Dies fragt sich nicht nur Herbert Grönemeyer in einem seiner Lieder, sondern auch die Autoren Paul M. Zulehner und Rainer Volz in ihrer Studie zum deutschen Mann, die im Auftrag der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands entstand.

Anders als die Frauen, die schon seit längerem, mehr oder weniger erfolgreich, in "Bewegung" sind, scheinen Deutschlands Männer auf der Strecke geblieben zu sein. Noch immer ist der Mann, so Zulehner und Volz, ein „halbierter Mann“. Während immer mehr Frauen beides, Berufs- und Familienleben, für sich beanspruchen, sind ihre männlichen Partner vielfach noch immer auf die traditionell männlichen Felder des öffentlichen Lebens und der Erwerbstätigkeit beschränkt. Die "typisch weiblichen" Domänen wie Familie und Emotionalität bleiben ihnen verschlossen, was eine völlig unnötige Beschneidung und Einschränkung der Lebensmöglichkeiten dieser Männer darstellt.

Dem Beispiel der amerikanischen Männerbewegung folgend, fordern die Autoren der Studie eine "Männerentwicklung", nur so kann es zu einer Lösung des Geschlechterkonflikts und zu einem neuen Miteinander von Mann und Frau kommen. Verglichen mit der Frauenbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts, haben Deutschlands Männer also  einen gewaltigen Nachholbedarf, welcher nur durch intensive Tiefenarbeit, so die Verfasser der Studie, wett gemacht werden kann. Denn nur eine entsprechende Weiterentwicklung der Männer kann schlußendlich zur Gleichberechtigung der Geschlechter führen.

Um eine Basis für die Entwicklung wirksamer Strategien für zukünftige Männerarbeit zu schaffen, beschäftigen sich Zulehner und Volz also mit dem derzeitigen Zustand der Männer in Deutschland. Sie entwickeln dabei vier Indizes: den traditionellen Mann, die traditionelle Frau, den neuen Mann und die neue Frau. Die „Traditionellen“ sehen den Platz der Frau in der Familie - Mutterschaft ist ihnen eine Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben -, während der Mann für Beruf und die finanzielle Versorgung der Familie zuständig ist. Die „Neuen“ hingegen sehen keinen Widerspruch zwischen Familie und Berufstätigkeit der Frau und stehen der Frauenemanzipation grundsätzlich positiv gegenüber. Neue Männer sind auch durchaus bereit, zur Betreuung kleiner Kinder in Erziehungsurlaub zu gehen. Anhand dieser vier Indizes werden vier Grundtypen abgeleitet: die „Traditionellen“, die „Neuen“, die „Pragmatischen“ und die „Unsicheren“, die weder als neu noch als traditionell bezeichnet werden können.

Die eigentlichen Ergebnisse der Studie, in der die Testpersonen zu Themen wie Berufswelt, Familie, Innenwelt und Religion befragt wurden, sind nicht sonderlich überraschend: Der traditionelle Mann sieht seinen Lebensmittelpunkt im Berufsleben und vertritt dort auch eine deutlich aggressivere Einstellung als seine neuen Geschlechtsgenossen, die andererseits ihre Vaterrolle stärker ausleben, mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen als die traditionellen Männer und auch offener über ihre Gefühle und Probleme sprechen können. Interessant ist, daß Männer sich selbst weitaus positiver einschätzen als die Frauen sie sehen.

Die Entwicklung vom traditionellen zum neuen Mann wird von den Verfassern begrüßt. Erwähnt wird auch die Abwendung des neuen Mannes von kirchlich-religiösen Institutionen, was wohl ein weites Aufgabengebiet für die Auftraggeber der Studie erschließt. Grundtenor des Titels ist ein Aufruf zum Miteinander der Geschlechter was letztendlich nur eine Bereicherung für alle sein kann.

K. F.

Zulehner, Paul M.; Volz, Rainer: Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen. Ein Forschungsbericht. Ostfildern: Schwabenverl., 1998. 336 S., DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-